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Auszüge aus der Abschlussrede der DHV-Präsidentin Martina Klenk

XIV. Hebammenkongress Hamburg 2016, 4. Mai 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen,

anregende Kongresstage liegen nun hinter uns. Hebammenwissen wird genährt und getragen aus Erfahrungswissen und bewiesen und bestätigt durch wissenschaftliche Forschung. Auf dieser soliden Grundlage basiert unser tägliches Handeln zum Wohl von Frauen und Familien. (…)

Als Hebammen sind wir eingebunden in ein Gesundheitssystem, welches sich immer stärker ökonomischen Vorgaben unterwirft. Die zentrale Frage ist: Wie wollen wir Hebammen uns zukünftig in der Gesundheitswirtschaft verorten?

Als Leistungserbringerinnen innerhalb dieses Systems bekommen wir die Auswirkungen der Ökonomisierung zu spüren. Wettbewerb und Konkurrenz dominieren heute den Gesundheitssektor. Gewinnmaximierung ist das Ziel der Gesundheitswirtschaft und im Mittelpunkt steht die Bilanz und nicht der Mensch. Gesundheit ist vom Gut zur Ware geworden und damit anscheinend verhandelbar. Die Patientin, ehemals bevormundet und fremdbestimmt, hat sich nun zur Kundin entwickelt, die scheinbar autonom und selbstbestimmt entscheidet, welche Gesundheitsdienstleistung sie sich einkauft. (…)

In Zeiten, in denen alle nur noch Risiken sehen, regiert die Angst und bestimmt den Geburtsmodus – in diesem Fall meist als Bevorzugung des Kaiserschnitts. Ist das Selbstbestimmung?

Dabei können Frauen gebären! Wir als Hebammen wissen das – noch. Hebammen wissen, dass Frauen von Natur aus die Fähigkeit zum Gebären haben. Und sie vertrauen ins Gelingen. Denn Hebammen wissen, dass ein spontaner Geburtsverlauf sich nicht verbessern lässt. Geburtshelfer neigen dazu, Geburt als etwas zu betrachten, das durch technische Intervention sicherer gemacht werden kann, als es ohne diese Intervention wäre. (…)

Wie können wir Hebammen uns als Profession mit dem Angebot des „Weniger ist mehr“ auf einem solchen Markt behaupten? Und: Wollen oder können wir das überhaupt? (…)

Wir können unsere Arbeit als Hebammen nicht unabhängig von den finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen der Gesundheitswirtschaft gestalten. Das heißt aber nicht, dass diese Bedingungen nicht veränderbar wären. Wir müssen beharrlich die Ökonomisierung der gesundheitlichen Versorgung in Frage stellen. Wir müssen beharrlich die Medikalisierung und Technisierung weiblicher Lebensprozesse wie Schwangerschaft und Geburt in Frage stellen. Rosa Luxemburg hat bereits 1918 gesagt: „Die revolutionäre Tat ist stets, auszusprechen das, was ist.“ Sagen, was ist, ist der erste Schritt zur Veränderung.

Letztlich geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was wesentlich im Leben ist. Die sogenannten helfenden Berufe, zu denen das Hebammenwesen gehört, sind der Kitt unserer Gesellschaft. Füreinander Sorge zu tragen hält das soziale Gefüge zusammen. 

Der Rückgang der Bewerberinnenzahlen an den Hebammenschulen ist ein alarmierendes Zeichen. Die Ursachen für das zunehmende Desinteresse am Hebammenberuf liegen in der bescheidenen Vergütung bei gleichzeitiger hoher Verantwortung und in den unattraktiven Arbeitszeiten. Schichtdienste, Wochenenddienste, Feiertagsdienste: Die mickrigen Gehaltszuschläge wiegen weder die gesundheitlichen Belastungen auf, noch kompensieren sie in irgendeiner Weise die Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und andere soziale Beziehungen. (…)

Viele Kolleginnen stellen sich eine flexible Berufstätigkeit zusammen. Es gibt kaum einen anderen Beruf, der eine derart individuelle Ausrichtung gestattet wie der unsere. (…)

Und es gibt tatsächlich Hebammen, die den kompletten Betreuungsbogen von der Schwangerenvorsorge über die Geburt bis hin zu Wochenbett und Stillzeit anbieten. Doch diese gibt es zu wenig. Und das ist ein Problem. 

Der von vielen beklagte Hebammenmangel ist vor allem ein Mangel an Hebammendienstleistungen. (…)

Wir sagen von uns, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal unter den Heilberufen haben, weil wir vom Gesunden ausgehen und unser salutogenetischer und ressourcenorientierter Betreuungsansatz die Selbstkompetenz der Frauen stärkt. Das machen oder können die anderen Professionen, die alle an der Frau arbeiten, wenn diese Mutter wird, nicht. Trotzdem überlassen wir Gynäkologinnen, Geburtsvorbereiterinnen, Krankenschwestern, Still- und Laktationsberaterinnen, Physiotherapeutinnen, Kinderkrankenschwestern und Doulas bereitwillig ein Teilterrain in der Betreuung der Frau, wenn wir gerade dafür nicht zur Verfügung stehen. 

Ist das nun Fluch oder Segen? Es wäre ein wahrer Segen, wenn eine werdende Mutter ihre Schwangerschaft, ihre Geburt und das häusliche Wochenbett und die Stillzeit in durchgängiger Begleitung einer ihr bekannten Hebamme erleben könnte. Ein Segen wäre es schon, wenn die Betreuung in dieser beschriebenen Zeit wenigstens in der Hand einer Profession, der Hebamme als Primärversorgerin, liegen würde. (…)

Was können wir als Berufsverband tun, um die Berufsausübung für Hebammen wieder attraktiver zu machen? Wie müssen Versorgungskonzepte gestaltet sein, damit sie auch gelebt werden? Es nützt das schönste Versorgungskonzept auf dem Papier nichts, wenn seine Umsetzung an der Praxis scheitert. (…)

Lassen Sie mich abschließend noch einige Ideen für ein zukünftiges Hebammenwesen skizzieren:  

  • Was wir ungeachtet oder besser trotz der momentanen Herausforderungen brauchen, sind innovative Versorgungsmodelle. Diese müssen so ausgestaltet sein, dass sie eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung von Frauen und Familien sicherstellen. Und sie müssen für die Hebammen eine solide berufliche Grundlage darstellen. Dazu müssen wir auch neue Wege gehen. 
  • Es ist aus unserer Sicht wünschenswert, wenn die Hebamme in der Schwangerschaft für die Frauen die primäre Ansprechpartnerin wäre. Viele Schwangere nehmen heute aber auch eine ärztliche Vorsorge regelhaft in Anspruch. Das ist bei Bedarf selbstverständlich und gilt ebenso für den Wunsch der Frau. Es gibt mittlerweile viele Modelle einer gelingenden gemeinsamen Vorsorge von Ärztin/Arzt und Hebamme. Noch ungeklärte Abrechnungsfragen dürfen nicht dazu führen, dass erfolgreiche interprofessionelle Betreuungsmodelle scheitern. Als Deutscher Hebammenverband suchen wir derzeit nach Lösungen für das Abrechnungsproblem. 
  • Das Kerngeschäft der Hebammenarbeit, die Geburtshilfe, gehört zum schönsten, aber auch zum härtesten Tätigkeitsbereich unseres Berufes. Eine Geburt ist eine unplanbare Schwellensituation für alle Beteiligten, verbunden mit einer hohen Verantwortung für die Hebamme, eine existenzielle Grenzerfahrung für die Frau und eine Begegnung mit dem Wunder des Lebens für alle. Diese prägende Lebensphase ist es wert gut begleitet zu werden. Eine 1:1-Betreuung bei der Geburt sollte stets die Regel sein. Die permanente Konfrontation mit der Ausnahmesituation Geburt kann für Kreißsaalhebammen, die mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen, zu Überforderung, Erschöpfung und Abstumpfung führen. Ein Wechsel zwischen Diensten im Kreißsaal, auf der Präpartal- und der Wochenstation kann dem entgegenwirken. 
  • Viele kleine Beleghäuser sind von Schließungen bedroht. Der Zusammenschluss betroffener Hebammen zu größeren Teams, die ein Geburtshaus in der Region betreiben, könnte eine Alternative sein. Allerdings wäre ein effizienter Rettungsdienst beziehungsweise ein optimales Notfallmanagementsystem erforderlich. Dazu müssen die Kommunen in die Pflicht genommen werden, um gemeinsam mit Hebammen, Ärzten und Rettungsdiensten optimale Notfallpläne zu entwickeln und vor allem zu finanzieren. 
  • Eine bürgernahe Gesundheitspolitik zeichnet sich aus durch das wohnortnahe Angebot von Hebammenhilfe, hausärztlichen Praxisteams und Pflegestützpunkten. Diese Professionen könnten gemeinsam in kommunalen Einrichtungen ihre Dienste anbieten. Die gemeinsame räumliche Nutzung, der gemeinsame Nutzen des Fuhrparks, die gemeinsame Beschäftigung von Verwaltungskräften könnten Kosten sparen. Ein Arbeiten in gut geschulten interprofessionellen Teams bietet nicht nur für Notfälle ein hohes Maß an Sicherheit für die Bevölkerung. In den kommunalen Räumlichkeiten könnten über die rein medizinische Versorgung hinaus von Hebammen Angebote zur Frauengesundheit gemacht werden. Das kann von Teenagersprechstunden bis zur Mütterberatung gehen. 
  • Ein hohes Gut unserer Profession ist die aufsuchende Wochenbettbetreuung. Es kann nur eine absolute Ausnahme sein, um einer Unterversorgung entgegenzuwirken, dass Wöchnerinnen in Einrichtungen einbestellt werden, seien es nun Krankenhäuser oder Geburtshäuser. Das Wochenbett muss für Mutter und Kind ein Schonraum bleiben. Wir brauchen eine Wochenbettkultur, in der störungsfrei eine gute Bindung von Eltern und Kind gelingen kann. Das zu fördern gehört zu unseren Aufgaben. 
  • Um den Herausforderungen der Hebammenarbeit im 21. Jahrhundert gerecht zu werden, ist die Verortung der Hebammenausbildung an der Hochschule der richtige Schritt. Wissenschaftliches Arbeiten in Verbindung mit einem hohen praktischen Anteil in allen Bereichen der Hebammentätigkeit ist für die Zukunft unseres Berufes unerlässlich. Wir sind aufgefordert Stellung zu gesellschaftspolitischen und ethischen Fragen zu beziehen. Dazu brauchen wir solide kommunikative und unternehmerische Kompetenzen, Kenntnisse in Public Health, Gesundheitsförderung und psychosozialer Betreuung. Dies befähigt uns auch zur Übernahme von Funktionen im Gesundheits- und Sozialwesen. Das wiederum ermöglicht es uns mit hebammenhilflichem Blick Strukturen und Rahmenbedingungen zur Berufsausübung selbst zu definieren und zu gestalten. 
  • Der Deutsche Hebammenverband hat jüngst juristische Schritte zur möglichen Etablierung von Amtshebammen als Alternative zur Regulierung unseres Berufsstandes durch Amtsärzte geprüft. Dazu braucht es eine breite innerverbandliche Diskussion. 

Das Hebammenwesen ist alt, aber nicht veraltet. Man könnte fast sagen, es ist zeitlos. Hebammen werden heute genauso gebraucht wie vor hundert und hunderten von Jahren. Das Hebammenwesen ist Moden unterworfen, gesellschaftlichen Entwicklungen, wurde politisch missbraucht und ideologisch verteufelt. Ökonomischen Zwängen war es stets ausgesetzt. Trotzdem haben wir Hebammen überdauert. Wir haben sämtliche Krisen überstanden. Denn die, die uns brauchen, wissen uns zu schätzen: die uns anvertrauten Frauen und Familien. Und darauf können wir bauen. 

(...)

Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes

Die vollständige Rede von Martina Klenk als PDF

Zuletzt geändert am 12.05.2016