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„Das ist ein Meilenstein!“

26.05.2015

Seit Anfang Mai ist die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaften (DGHWi) die erste nicht ärztliche Fachgesellschaft der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Wir haben mit Prof. Dr. Rainhild Schäfers, Vorsitzende der DGHWi darüber gesprochen, was dies für die Hebammenarbeit und -wissenschaft bedeutet.

Prof. Dr. Rainhild Schäfers, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaften (DGHWi)

Herzlichen Glückwunsch, Frau Schäfers. Die DGHWi ist jetzt Mitglied in dem wichtigsten Dachverband wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften, als erste nicht ärztliche Fachgesellschaft. War es schwierig, aufgenommen zu werden?
Vielen Dank! Für uns ist die Aufnahme ein Meilenstein in der Geschichte der DGHWi. Und es war tatsächlich nicht ganz einfach, Mitglied der AWMF zu werden. Wir mussten verschiedenste Kriterien erfüllen und dann wurde auf der letzten Delegiertenversammlung der AWMF über unseren Antrag vom Oktober 2013 abgestimmt. Erfreulicherweise gab es eine Mehrheit für die Aufnahme.

Was für Kriterien waren das?
Eine Fachgesellschaft muss zum Beispiel mindestens drei Jahre existieren und einen überwiegend promovierten Vorstand vorweisen. Außerdem müssen regelmäßig Fachtagungen veranstaltet und ein eigenes Journal herausgegeben werden. Im Grunde waren wir die ersten Jahre seit unserer Gründung im Jahr 2008 damit beschäftigt diese Anforderungen umzusetzen: 2011 gab es unsere erste Fachtagung, seit 2013 geben wir die Zeitschrift für Hebammenwissenschaften heraus. Außerdem sind unsere Mitglieder mehrheitlich akademisierte Hebammen, eine weiteres Aufnahmekriterium. Außerdem musste auch die Satzung der AWMF dahingehend überprüft werden, ob überhaupt nicht ärztliche Fachgesellschaften aufgenommen werden dürfen.

Was nutzt den Hebammen und den Hebammenwissenschaften die Mitgliedschaft der DGHWi in der AWMF?
Die Aufgabe der AWMF ist es, dazu beizutragen, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Das geschieht unter anderem durch die Entwicklung von Leitlinien. Dabei waren wir in den Expertengremien als beratende Fachgesellschaft bereits vorher schon eingeladen, hatten aber nicht immer ein Stimmrecht. Durch die Mitgliedschaft können wir jetzt selbst Leitlinien anmelden und in den Steuergruppen mitwirken und mitentscheiden. Das stärkt unsere Position enorm.

Um welche Themen geht es dabei konkret?
Im Moment sollen beispielsweise zwei neue Leitlinen entwickelt werden, eine zum Kaiserschnitt und eine zur vaginalen Geburt am Termin. Es handelt sich dabei um sogenannte S3-Leitlinien. Sie haben die höchste wissenschaftliche Relevanz. Wie es zurzeit aussieht, werde ich als Vertreterin der DGHWi in der Steuergruppe bei der Entwicklung dieser Leitlinien mitwirken und die Erkenntnisse aus den Hebammenwissenschaften einbringen.

Erwarten Sie dabei Vorbehalte von anderen Fachgesellschaften, beispielsweise der Gynäkologen?
Selbstverständlich gibt es zwischen Ärzte und Hebammen oftmals noch gut gepflegte Vorurteile und auch unterschiedliche Einschätzungen zu bestimmten Themen. Das wird sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Aber es ist gut, wenn durch uns die Beachtung der physiologischen Vorgänge rund um die Geburt, Eingang in die Diskussion und Leitlinienentwicklung findet. Ansonsten bleibt der Fokus auf den Komplikationen und Interventionen.

Denken Sie, dass die DGHWi ernst genommen wird von den vielen Fachgesellschaften der Ärzte? 
Das glaube ich schon. Allein unsere Aufnahme in die AWMF bestätigt das. Auf der letzten Delegiertentagung, bei der unser Aufnahmeantrag auf der Tagesordnung stand, gab es die Rückmeldung, dass man sehr wohl bemerke, dass man in immer mehr nichtärztlichen Gesundheitsfachberufen auch einen akademischen Abschluss erwerben kann und es mehr und mehr Studien aus dem Bereich der Hebammenwissenschaften gibt.

Ist die Akademisierung also der Schlüssel für mehr Einfluss der Hebammen?
Die Akademisierung ist nicht nur deshalb wichtig, weil wir Fachfrauen brauchen, die ihr wissenschaftliches Know-how in die Leitlinienentwicklung und in Studien einbringen können. Wir benötigen auch Hebammen, die die Leitlinien verstehen und in der Praxis umsetzen können. Das ist einer der Gründe, warum die Hebammenausbildung meiner Meinung nach an die Fachhochschulen gehört.

Vielen Dank für das Gespräch, Rainhild Schäfers.


Zuletzt geändert am 28.03.2017