Deutsch English

Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Hebammen im Einsatz für Flüchtlinge

01.09.2015

Die Bilder und Nachrichten über die Situation der Flüchtlinge, die uns zurzeit fast täglich erreichen, sind unerträglich. Wir sehen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken, in LKWs ersticken oder bei ihrer waghalsigen Flucht durch den Eurotunnel ums Leben kommen. Gleichzeitig brennen Asylbewerberheime und es kommt zu gewalttätigen Ausschreitungen rechter Demonstranten.

So wie hier im saarländischen Lebach kümmern sich überall in Deutschland Hebammen um schwangere Flüchtlingsfrauen und ihre Babys.

Zum Glück gibt es gleichzeitig immer mehr Menschen, die dieser Gewalt und diesem Hass etwas entgegensetzen. Überall in Deutschland sind inzwischen Initiativen entstanden, die Flüchtlinge willkommen heißen, sie unterstützen und ihnen helfen. Auch viele Hebammen sind darunter. Drei Beispiele aus Berlin, dem Saarland und Bayern.

Berlin Moabit im August:


Mit Vorhängen und Stellwänden wird in Berlin für ein bisschen Intimität gesorgt.

Es ist Sommer und bis manchmal zu 40 Grad heiß. Jeden Tag kommen Hunderte Menschen auf dem Platz vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) an. Sie sind Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und müssen sich hier registrieren lassen. Doch die Behörde ist völlig überfordert. Die Menschen müssen oft tagelang draußen campieren, weil sie keinen Schlafplatz erhalten. Am Anfang gibt es nicht einmal Wasser, geschweige denn etwas zu essen für die bald 1000 Menschen auf dem Platz.

Doch über das Netz organisiert sich schnell die Initiative „Moabit hilft“. Es werden Essens- und Kleiderspenden organisiert, die von freiwilligen Helferinnen und Helfern verteilt werden, inzwischen seit gut drei Wochen. Da auch der gesundheitliche Zustand vieler Menschen sehr schlecht ist, gibt es bald auch ein Medi-Team aus Ärzten und Hebammen.

Zustände wie in einem Entwicklungsland
„Ich wollte eigentlich nur eine Spende abgeben“, sagt Hebammen Simone Logar. „Aber als ich dann gesehen habe, was hier los ist, konnte ich nicht einfach wieder weggehen. Das sind Zustände, wie ich sie mir in einem Entwicklungsland vorstelle und nicht in Berlin“ Deshalb kommt sie jetzt seit drei Wochen mehrmals die Woche zum Lageso. Außerdem sammelt sie in ihrer Hebammenpraxis Kleidung, Essen, Spielsachen und Geld. Über eine Facebookgruppe haben sich weitere Hebammen gemeldet, die zum Platz kommen und helfen, wann immer sie Zeit haben. „Die freiwilligen Ärzte sind sehr froh, dass wir Hebammen da sind“, berichtet Simone Logar. „Denn es gibt hier auch viele Schwangere und junge Mütter. Wir untersuchen sie und schicken sie wenn nötig in Krankenhaus.“

Inzwischen hat die Behörde offiziell die Caritas und die Berliner Ärztekammer beauftragt, sich um die Versorgung der Menschen vor dem Lageso zu kümmern. „Das hat erstmal zu noch mehr Chaos geführt“, sagt Simone Logar. „Statt drei Mahlzeiten am Tag gab es plötzlich nur noch eine, gespendete Medikamente durften nicht mehr ausgegeben werden und auch die gesammelten Kleiderspenden mussten wir wegschaffen.“

Prinzipiell sei gut, wenn jetzt auch die Behörde endlich Verantwortung übernehmen. „Nur sollten sie mit uns zusammenarbeiten und nicht einfach die Hilfestrukturen zerstören, die wir hier schon aufgebaut haben.“

Lebach, Saarland

Astrid Kany (links) mit einem Säugling und seiner Mutter

Mitten im Saarland liegt Lebach, eine Gemeinde mit rund 20.000 Einwohnern. Dort leben in einem Erstaufnahmelager mittlerweile über 2000 Flüchtlinge in provisorischen Zelten, manche schon seit Jahren. Darunter sind auch rund vierzig Schwangere und junge Mütter.

Um sie kümmern sich Hebamme Astrid Kany und acht Kolleginnen. Seit Mitte August können sie dafür zunächst einen DRK-Rettungswagen und jetzt einen eigenen Container nutzen. Dort bieten sie jetzt viermal die Woche eine Hebammensprechstunde an. Den Dienstplan haben sich die ehrenamtlichen Helferinnen selbst geschrieben und auch für eine ordentliche Dokumentation gesorgt. „Das Angebot wird sehr gut angenommen“, berichte Astrid Kany. „Wenn wir den Frauen sagen, sie sollen wiederkommen, stehen sie am nächsten Tag auch vor dem Wagen, egal bei welchem Wetter.“

Sie sehe viele schwer traumatisierte Menschen, unterernährte Kinder, oftmals ausgezehrt und von Parasiten befallen. „Gleichzeitig erlebe ich sehr stolze und sehr gebildete Menschen, die Dramatisches erlebt haben.“ 

Die Situation sei gar nicht so viel anders als in den Philippinen, wo Astrid Kany Anfang diesen Jahres nach einem Taifun über Surgical Mission Saarland S.M.S. geholfen hat. Diese Organisation koordiniert nun auch die Schwangerenhilfe in Lebach.

„Mit Informationsflyern, übersetzt in sechs verschiedene Sprachen, haben wir die Patientinnen auf uns aufmerksam gemacht. In unsere Sprechstunde kommen auch Frauen z.B. mit Zwillingsschwangerschaften, die regelmäßig gynäkologisch in einer Praxis untersucht werden müssen. Viele Wöchnerinnen und ihren Kinder leiden unter Hautkrankheiten aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen im Lager. Wir behandeln sie so gut wir können mit den Medikamenten, die von Apotheken gespendet werden. Auch Stillprobleme sind ein großes Problem“, sagt Astrid Kany. 

Fürth, Franken

So wird in Lebach auf die Ausgabestelle für Windeln und Babybedarf hingewiesen

Im mittelfränkischen Fürth leben in einem Übergangsheim rund 100 Menschen, viele davon mit Behinderungen. Die Zustände dort sind weniger dramatisch als die in Berlin und im Saarland, aber auch dort wird Hebammenhilfe gebraucht. „Hier wohnen ungefähr zehn Kinder unter einem Jahr, und es gibt derzeit eine Schwangere“, berichtet die Hebamme Susanne Weyherter vom Bayerischen Hebammenverband. Seit kurzem bietet sie im Gemeinschaftsraum der Einrichtung einmal die Woche eine Sprechstunde an. Bei dringenden Fragen kann die zuständige Sozialpädagogin sie anrufen. 

„Als ich mitbekommen habe, dass ganz in der Nähe meines Wohnortes Flüchtlinge leben, zum Teil auch für einen längeren Zeitraum, habe ich mir gedacht, da muss ich mal vorbeischauen und fragen, ob meine Hilfe benötigt wird“, sagt Susanne Weyherter. Tatsächlich sei die zuständige Sozialarbeiterin sehr froh über ihr Angebot gewesen. „Meine erste ‚Tat‘ bestand darin, die Willkommenstüte, die es bei der Geburt eines Kindes gibt, durchzuschauen. Dummerweise war auch abgelaufene Babymilchnahrung in der Tüte, die sofort weggeworfen wurde. Ab jetzt wird keine Nahrung mehr verteilt, da die meisten Mütter gut stillen und ich zur Beurteilung, ob Nahrung nötig ist, ins Haus komme werde.“

Hebammen arbeiten noch vorwiegend ehrenamtlich
Die Hebammen leisten ihre Arbeit im Moment vor allem ehrenamtlich und ohne Bezahlung, vor allem solange die Frauen noch keine Papiere über ihren Aufenthaltsstatus haben. Sobald das der Fall ist, haben schwangere Flüchtlingsfrauen denselben Anspruch auf Hebammenleistungen wie gesetzlich versicherte Schwangere. Die Abrechnung muss dann allerdings direkt über die zuständigen Behörden erfolgen. Nur Bremen und Hamburg haben bislang eine sogenannte Gesundheitskarte für Flüchtlinge, über die abgerechnet werden kann. Susanne Weyherter hat für sich eine persönliche Entscheidung getroffen: „Ich möchte bei dieser Arbeit nichts verdienen“, sagt sie. „Ich sehe es als mein Engagement für die schwierige Situation der Flüchtlingsfrauen und Kinder. Deshalb werde ich von dem verdienten Geld Sachleistungen kaufen, die gerade benötigt werden und der Flüchtlingshilfe Fürth übergeben.“ 

Präsidiumsmitglied Susanne Steppat: „Wir sind stolz auf unsere Kolleginnen, die beherzt und unbürokratisch mit Herz und Hand Hilfe leisten. Es ist toll, dass Hebammen nicht einfach zugucken wollen und können und überall in Deutschland ihre fachliche Unterstützung geben. Wir wünschen uns, dass die schwangeren Frauen und jungen Mütter unter den Flüchtlingen bald auch offiziell die medizinische und menschlich nötige Hebammenhilfe bekommen, die sie dringend benötigen.“

Weitere Informationen:
Flyer "Betreuung von Frauen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen"

Außerdem startet im November eine DHV-Fortbildungsreihe zum Thema "Traumasensible Haltung"


Zuletzt geändert am 05.11.2018