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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Geburtsterminbestimmung mittels Ultraschall – ein Roulettespiel?

08.09.2015

Die „Berechnung“ (besser: Schätzung) des Geburtstermins per Ultraschallgerät ist aufgrund technischer, methodischer und physikalischer Ursachen nur sehr ungenau und mit großer Unsicherheit behaftet. Wenn therapeutische Entscheidungen auf dieser Basis getroffen werden, kann dies gefährliche Folgen haben. Eine Fehlerbetrachtung.

Foto: Alexander Raths/ Pitopia

Wann ist es soweit, wann wird unser Kind geboren? Diese Frage stellt sich wohl jedes Paar, wenn es erfährt, dass ein Baby unterwegs ist. Seit einigen Wochen bekommt diese Frage nun aber noch eine besondere Brisanz: Krankenkassen möchten die Zulassung von Hebammen-Geburten an genau diesen zu errechnenden Geburtstermin knüpfen: Bei Terminüberschreitung soll nunmehr erst ein Arzt prüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Genau dies steht aktuell in den Verhandlungen der Spitzenverbände der Krankenkassen mit den Hebammenverbänden zur Debatte – und hätte fatale Folgen für den Beruf der selbstständigen Hebammen.

Bisher ist es gesetzlich genau andersherum geregelt: Die Hebamme prüft, ob noch alles in Ordnung ist und zieht erst nachfolgend einen Arzt hinzu, wenn Zweifel bestehen – eine vernünftige Regel, denn Schwangerschaft und Geburt sind natürlich ablaufende Vorgänge und Hebammen sind die Spezialistinnen für die physiologische Geburt.

Doch seit Jahren hat sich das schleichend geändert. 80% aller Schwangerschaften in Deutschland werden mittlerweile als Risikoschwangerschaften betrachtet und behandelt. In den USA werden inzwischen 15% aller Geburten vorzeitig beendet. Höchstwahrscheinlich gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen dem häufigen Eingreifen (Intervention) in Geburtskliniken und der extrem hohen Kaiserschnittrate in vielen Ländern. Auch das kniffelige Thema Terminüberschreitung spielt dabei eine Rolle.

Jede Schwangerschaft ist individuell verschieden
Dabei gleicht die Dauer der Schwangerschaft einem Lotteriespiel mit vielen Unbekannten. Einflüsse wie das Geschlecht des Kindes, Ernährungsgewohnheiten und Erkrankungen der Mutter, frühere Geburten und das Alter der Mutter können sie verlängern oder verkürzen. Diese Abweichungen sind nicht nur ungefährlich, sondern offenbar die Norm. In einer amerikanischen Studie wurden die natürlichen Abweichungen auf drei Wochen vor und 17 Tage nach der durchschnittlichen Schwangerschaftsdauer beziffert.

Nun weiß man seit vielen Jahrzehnten, dass Eizellen ungefähr 14 Tage vor Beginn der nächsten Regel für ungefähr einen Tag befruchtungsfähig sind. Kennt man also den Tag des Beginns der letzten Monatsblutung, kann man überschlagen: 14 Tage bis zum Eisprung, dann 266 Tage bis zur Geburt, das ergibt 280 Tage. So rechnet tatsächlich jedes Ultraschallgerät und die meisten Geburtsterminrechner im Internet!

Doch diese Rechnung stimmt nur bei wenigen Frauen – wie jeder Gynäkologe und jede Hebamme weiß. Die Zeit bis zum Eisprung beträgt nämlich nur dann etwa 14 Tage, wenn der Zyklus 28 Tage dauert: Zyklen zwischen 21 Tagen und 36 Tagen gelten aber noch als normal. Statt nach 14 Tagen kann eine Eizelle also durchaus schon 7 Tage, manchmal aber auch erst 22 Tage nach Regelbeginn befruchtet werden.

Mehr Genauigkeit durch den Ultraschall?
Nun wird es spannend, denn es gibt darüber hinaus ja noch die Ultraschalluntersuchung. Wie bekommt ein Gynäkologe per Ultraschallgerät heraus, wann die Konzeption (Befruchtung) war? 

Er fragt zunächst wieder nach dem ersten Tag der letzten Regel, denn: auch der Terminrechner im Ultraschallgerät verlangt dieses Datum genauso ab, wie die bereits erwähnten Internetseiten. Die Formel, nach der seit 160 Jahren der Termin errechnet wird, lautet: Erster Regeltag plus 280 = ungefährer Geburtstermin. Das Datum steht damit scheinbar fest – aber nur in der Theorie. Denn dieser Termin ist fast immer falsch. Abweichungen nach oben (23 Tage) oder nach unten (30 Tage) sind, wie eingangs erwähnt, keine Ausnahme. 

Zur Kontrolle misst ein Untersucher nun auf dem Ultraschallbildschirm üblicherweise die Distanz zwischen Scheitel und Steiß des Kindes und das Ultraschallgerät gibt einen aus diesen Daten interpolierten zweiten Termin der Geburt aus. Liegen mehr als 7 Tage Unterschied zwischen den nach Eisprung und Ultraschall berechneten Terminen, korrigiert der Untersucher den errechneten Termin nach dem Ultraschallergebnis.

Auch durch die Technik lassen sich nur Schätzwerte ermitteln
Jetzt kommt die Technik ins Spiel. Wie nämlich ermittelt ein Ultraschallgerät aus der „gemessenen“ Distanz diesen Termin? Antwort eines Ultraschall-Experten: mittels grober Schätzung. Die Algorithmen zur Berechnung beruhen nämlich auf Näherungsformeln und fehlerbehaftete Messungen. Jeder Ultraschallgerätehersteller weiß das und gibt den Fehler sogar an. Für Streckenmessungen liegt er in der Größenordnung von 8%. Untersucherbedingt kommen noch Messfehler hinzu, diese liegen in der Größenordnung von 7% bis 25%. Um daraus nun das Schwangerschaftsalter zu berechnen, greift das Ultraschallgerät auf Normtabellen zurück, die nochmals mit plus/minus fünf Tagen fehlerbehaftet sind. 

Hinzu kommen auch hier wieder die natürlichen Schwankungen bei der Schwangerschaftsdauer von plus 23 Tagen bis minus 17 Tagen. Und noch ein weiterer systematischer Fehler verschlechtert die Genauigkeit des ausgegebenen Termins: Seit wenigen Jahren weiß man dank einer schwedischen Studie, dass die mittlere Schwangerschaftsdauer nach der letzten Periode um 3 Tage länger ist, als bisher stets angenommen. Betont werden muss zudem, dass alle Berechnungen stets nur Mittelwerte ergeben und nie eine präzise Voraussage sein können. Die Unsicherheit, mit der der im Mutterpass eingetragene Termin behaftet ist, beträgt also mehrere Wochen. Anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass der berechnete Termin eingehalten wird, liegt bei maximal 4,5%!

Ein statistischer Mittelwert, noch dazu ein so stark fehlerbehafteter wie der errechnete Geburtstermin, stellt – wie schon der Name sagt – ausdrücklich keinen Grenzwert dar. Wer das nicht beachtet, könnte folgenschwere Fehlentscheidungen treffen, die u.U. den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllen könnten: Die Festlegung von Operationen (Kaiserschnitt) oder auch nur von heute typischen Interventionen (z.B. Geburtseinleitung) allein aufgrund der Überschreitung eines fehlerhaft berechneten Geburtstermins wäre nicht nur fahrlässig, sondern für Mutter und Kind unter Umständen lebensgefährlich. 

Es entzieht sich jeder wissenschaftlichen Grundlage, wenn Ärzte oder Krankenkassen einen solchen Mittelwert als Grenzwert für die Erlaubnis oder als Voraussetzung für die Bezahlung außerklinischer Geburtshilfe deklarieren würden. Genau dies steht jedoch aktuell in den Verhandlungen der Spitzenverbände der Krankenkassen mit den Hebammenverbänden unter anderem zur Debatte. 

Es ist daher richtig, wenn die Hebammenverbände eine solche Bedingung strikt ablehnen.

Autor: Ulrich Wieland, Dipl.-Ing. für Biomedizintechnik (FH), Dipl.-Ing. für Informationstechnik, Objektleiter Biomedizintechnik/IT am DRK-Krankenhaus Lichtenstein

Der Artikel ist die Kurzfassung eines ausführlichen Berichts, der in der aktuellen Ausgabe des Hebammenforums 9/2015 zu lesen ist. Außerdem hat der Autor einen noch detaillierteren Bericht geschrieben, der bei ihm angefordert werden kann: Wieland.ulrich(at)drk-khs.de

 

 

 


Zuletzt geändert am 05.11.2018