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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

„Die Hebammenausbildung steht vor großen Umbrüchen“

11.04.2016

Am 1. April hat Yvonne Bovermann jetzt offiziell ihre Arbeit im Präsidium des Deutschen Hebammenverbandes als Beirätin für den Bildungsbereich begonnen. Sie wurde auf der Bundesdelegiertentagung (BDT) im November 2015 in ihr Amt gewählt. Wir haben mit ihr über ihre Ziele und die Herausforderungen bei der Neuordnung der Berufsausbildung für Hebammen gesprochen.

Ivonne Bovermann, neue Beirätin für den Bildungsbereich im DHV

Frau Bovermann, seit Anfang des Monats sind Sie die neue Beirätin für den Bildungsbereich im Deutschen Hebammenverband. Die Ausbildung von Hebammen ist aber schon länger ein Thema für Sie.
Ja, das stimmt! Ich war lange als Geschäftsführerin in einem Geburtshaus tätig und habe selbst als Geburtshaus- und Beleghebamme gearbeitet. Deshalb kenne ich die Qualifikationen, die heute von Hebammen erwartet werden. Als Leitung einer Hebammenschule musste ich jedoch oft erfahren, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die stetig steigenden Anforderungen an den Hebammenberuf unzureichend sind. Die Hebammenschulen geben trotzdem ihr Bestes, um den Werdenden Hebammen einen guten Berufseinstieg zu ermöglichen. Die Diskrepanz zwischen unserer Berufsrealität und den existierenden Berufsgesetzen und -Verträgen war auch Thema meiner Masterarbeit.

Was muss sich Ihrer Einschätzung nach ändern?

Das Hebammengesetz und die Ausbildungsprüfungsordnung für Hebammen sind 30 Jahre alt. Sie sind vor allem ausgerichtet auf Hebammen, die in Kliniken angestellt arbeiten. Das entspricht nicht mehr der Realität. Heute arbeiten zwischen 75 und 80 Prozent aller Hebammen (auch) freiberuflich. Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an unseren Beruf verändert haben. Wir müssen unsere Einschätzungen und unser Handeln auch wissenschaftlich begründen können. Deshalb sollten die Theorieanteile in der Ausbildung erhöht werden, ohne dass der praktische Anteil darunter leidet. Die Reform des Hebammengesetzes und die Überarbeitung der alten Prüfungsordnungen sind ein großes Projekt, das nicht von heute auf morgen umgesetzt sein wird. Nichtsdestotrotz müssen wir jetzt damit beginnen!

Stichwort Akademisierung. Sollten künftig alle Hebammen an Hochschulen ausgebildet werden?

Ich denke, dass dieser Weg unumkehrbar ist. Laut EU-Richtlinie müssen die Berufsordnungen bis 2020 ohnehin so verändert werden, dass eine 12-jährige Schulbildung Voraussetzung für das Erlernen des Hebammenberufes wird. Ziel ist eine Vereinheitlichung der Berufsqualifikationen im europäischen Raum, damit Abschlüsse europaweit ohne Probleme anerkannt werden können. Das ist zurzeit noch schwierig, weil in fast allen EU-Ländern die Hebammenausbildung im Gegensatz zu Deutschland an Hochschulen stattfindet. Das bedeutet in der Praxis, dass eine in Deutschland ausgebildete Hebamme nicht ohne weiteres im EU-Ausland tätig werden kann. Ich bin zudem überzeugt, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit zum Beispiel mit Ärztinnen und Ärzten nur auf Augenhöhe gelingen kann, wenn wir bereits während des Studiums miteinander und voneinander lernen.  Darüber hinaus fördert es die Attraktivität unseres Berufes, wenn es nach einem grundständigen Studium interessante Anschlussstudiengänge gibt und Hebammen sich weiterqualifizieren können.

Was bedeutet dies für die Hebammen, die keinen Bachelor-Abschluss haben?

Sicherlich stellt uns diese Umstellung vor große Herausforderungen. Sie ist auch mit Ängsten verbunden. Wie arbeiten akademisch ausgebildete Hebammen mit Hebammen zusammen, die „nur“ ein Hebammenexamen haben? Geht das Hebammenhandwerk bei zu viel Theorie verloren? Durch die verschiedenen Studienmöglichkeiten haben wir schon jetzt die Situation, dass Hebammen mit und ohne akademischen Abschluss ihre Leistungen für dasselbe Gehalt bzw. dieselbe Vergütung anbieten. Deshalb plädiere ich beim Übergang der Hebammenausbildung von den Fachschulen auf die Hochschulen auf möglichst kurze Übergangsfristen. Eine Spaltung unserer kleinen Berufsgruppe in unterschiedlich ausgebildete Hebammen können wir uns meiner Meinung nach nicht leisten. Für Hebammen, die schon viele Jahre in ihrem Beruf arbeiten und wichtiges Erfahrungswissen mitbringen, sollte es möglich sein, möglichst niedrigschwellig auch einen Bachelorabschluss zu erlangen. In der Schweiz gibt es hierfür gute Modelle.

Wie sieht es mit den Lehrerinnen für Hebammenwesen aus, die jetzt an den Fachschulen arbeiten?

Auch für sie wird der Reformprozess sicherlich viele Veränderungen mit sich bringen. Mir ist sehr wichtig, dass dabei Errungenschaften und wertvolle Berufserfahrungen mit an die Hochschulen genommen werden. Aufgrund einer internen Umfrage wissen wir, dass die meisten Lehrerinnen so gut akademisch ausgebildet sind, dass sie auch an Hochschulen unterrichten können. Fehlende Qualifikationen können schon heute nachträglich erworben werden. Trotzdem wird es nicht ganz einfach werden, ausreichend Professorinnen und Professoren für die neuen Studiengänge zu finden. Gleichzeitig bietet die Situation jedoch auch neue Berufschancen für an der Wissenschaft interessierte Hebammen. Ich wünsche mir, dass wir in diesem spannenden, aber auch schwierigen Prozess achtsam und respektvoll miteinander umgehen.

Gibt es weitere Themen, die Ihnen am Herzen liegen?

Ich finde es sehr wichtig, auch das sogenannte Externat, das ist die Ausbildungszeit bei einer freiberuflichen Hebamme oder in einem Geburtshaus, zu stärken. Hier wurde das Hebammengesetz zuletzt im März 2013 dahingehend geändert, dass in der Hebammenausbildung bis zu 480 Stunden, das entspricht 12 Arbeitswochen, praktisch und außerklinisch zu leisten sind. Die Regelungen, die es gibt, damit Hebammen diese außerklinische und praktische Ausbildung durchführen können (man spricht von einer „Ermächtigung“ der Hebammen), unterscheiden sich jedoch von Bundesland zu Bundesland, ebenso wie die Dauer des Externats. Da die Bildung Ländersache ist, wird sich das nicht so schnell ändern lassen. Ich werde aber darauf drängen, dass zumindest die verschiedenen Schulen die Ermächtigungsregelungen anderer Behörden anerkennen können. Ansonsten ist es für Werdende Hebammen nur sehr schwer möglich ihr Externat in einem anderen Bundesland zu absolvieren.

Gerade auch die praktische Ausbildung unserer neuen Kolleginnen ist so wichtig für die Zukunft unseres Berufsstandes, dass ich erfahrene Hebammen ermutigen möchte, sich dieser Aufgabe zu stellen, auch wenn sie noch nicht extra entlohnt wird. Der DHV setzt sich dafür ein, auch Ausbildungsleistungen zu vergüten, egal ob im klinischen oder freiberuflichen Setting. Zurzeit überprüfen wir die Finanzierungsmöglichkeiten für eine solche Bezahlung. Wir überlegen außerdem, inwieweit wir als Verband kostenlose Workshops, Netzwerktreffen und Fortbildungen für ausbildende Hebammen anbieten können, damit diese in ihrer Arbeit unterstützt und gestärkt werden.
Nur mit gut qualifiziertem und selbstbewusstem Nachwuchs werden wir die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen meistern können!

Liebe Frau Bovermann, wir danken für das Gespräch!


Zuletzt geändert am 05.11.2018