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„Die Entwicklung ist beunruhigend!“

23.05.2016

Ungefähr ein Kind pro Tag kommt in der Haßberg-Klinik in Haßfurt zur Welt. Meist wird die Frau dabei durchgängig von einer der zehn in der Klinik angestellten Hebammen betreut. Die Frauen sind zufrieden, die Hebammen ebenso. Doch jetzt soll die geburtshilfliche Abteilung schließen. Sie ist nicht rentabel.

Foto: Noel Matoff

Überall in Deutschland schließen Kreißsäle. Manchmal, weil die Geburtshilfe sich nicht rechnet, andere Male, weil es einfach keine Hebammen gibt, die unter den immer schlechter werdenden Bedingungen arbeiten wollen. In der Illertalklinik in Illertissen bei Ulm war die Schließung des Kreißsaales zum Herbst schon beschlossen. Nur halbherzig suchte die Klinikleitung deshalb nach Hebammen, damit der Schichtdienst weiter aufrecht erhalten werden konnte. Die verbliebenen Beleghebammen konnten und wollten die Last und Perspektivlosigkeit nicht mehr tragen und kündigten deshalb nach und nach.

„Tatsache ist, dass immer mehr Kreißsäle ihre Türen schließen, manchmal vorübergehend, oft für immer“, sagt Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied und Beirätin für den Angestelltenbereich. Während es 1991 noch 1186 Krankenhäuser gab, in denen Frauen ihre Kinder zur Welt bringen konnten, waren es 2010 gerade einmal noch 807. Die aktuellsten Zahlen des statischen Bundesamtes stammen aus dem Jahr 2014: Da gab es noch 725 Kreißsäle.

„Diese Entwicklung ist beunruhigend!“, sagt Susanne Steppat. „Frauen müssen dadurch immer längere Weg in die Kliniken in Kauf nehmen. Inzwischen gehen einige Gesundheitswissenschaftler sogar davon aus, dass Fahrtwege von im Durchschnitt einer halben Stunde in Ordnung sind. Nach dieser Kalkulation wird es 2020 noch 570 Kreißsäle geben und 2030 dann nur noch 370. Das würde aber bedeuten, dass immer Frauen ihre Kinder auf Autobahnen oder Parkplätzen zur Welt bringen müssen. Das darf nicht passieren!“

Für Susanne Steppat ist die Politik gefragt: „Wir müssen weg von der aktuellen Abrechnungslogik, die sich an pathologischen Geburtsverläufen orientiert und normale physiologische Geburten viel zu schlecht bezahlt. Dann könnten die Kreißsäle mit ausreichend Hebammen besetzt und die Frauen gut betreut werden!“ Sie erwarte außerdem, dass die zusätzlichen Gelder, die das Krankenhausstrukturgesetz vorsehe, auch in den Kreißsälen ausgeben würden.

Denn eines sei auch klar. Krankenhäuser können ihre geburtshilflichen Abteilungen nicht zu Lasten der Hebammen retten. „Wie wir aus einer aktuellen Umfrage unter angestellten Hebammen in Kliniken wissen, ist die Arbeitsbelastung schon jetzt viel zu hoch“, so Susanne Steppat. „Eine Hebamme muss heute oftmals mehr als drei gebärende Frauen gleichzeitig betreuen und kann ihre Pausen oft nicht nehmen. Dazu leisten die meisten immer mehr Überstunden. Eine Qualitätsbetreuung der Schwangeren ist so nur unter erheblichem persönlichem Einsatz der Hebammen vor Ort möglich! Das muss sich dringend verbessern und darf sich nicht noch weiter verschlechtern, weil bei der Geburtshilfe gespart werden soll.“

Susanne Steppat plädiert dafür, gemeinsam mit den Klinikleitungen und den kommunalen Politikern an Lösungsmodellen zu arbeiten, die zu einer wohnortnahen qualitativ hochwertigen selbstbestimmten Geburtshilfe in Deutschland beitragen. „Im Fokus sollten die schwangeren Frauen und ihre Kinder stehen und nicht wirtschaftliche Interessen!“

Weitere Informationen:

Kampagnenwebseite: Leitfaden für Vor-Ort-Aktionen bei Klinikschließungen

Pressestimmen zum Kreißsaalsterben in Deutschland

Die Arbeitsbedingungen von angestellten Klinikhebammen, Ergebnisse der Befragung vom November 2015
Download
 (2/2016)

Eckpunktepapier für eine gute Geburtshilfe in Kliniken
Download (3/2016)


Zuletzt geändert am 22.05.2017