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"Frauen und Mütter müssen im Fokus unserer Forschung stehen"

21.10.2016

Am 30. September hat Dr. Gertrud Ayerle vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg das Forschungsprojekt „Präferenzen und Defizite in der hebammenrelevanten Versorgung in Deutschland aus Sicht der Nutzerinnen und Hebammen” vorgestellt. Wir haben mit der Hebammenwissenschaftlerin über ihre Forschung gesprochen.

Hebammenwissenschaftlerinnen des Hebammenversorgungsprojekts (v. l.): Elke Mattern, Dr. Gertrud Ayerle, Susanne Lohmann, Änne Kirchner

Sie forschen seit Jahren im Bereich der Hebammenwissenschaften. Hat sich der Fokus im Laufe der Zeit verändert?
Ja, eine gewisse Veränderung zeichnet sich ab. Meine Promotion schrieb ich 2009 zum Thema subjektives Wohlbefinden und Coping in der Schwangerschaft. Danach haben meine Kollegin Elke Mattern und ich im Rahmen eines Praxisprojekts des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) Zieldefinitionen für das berufliche Handeln von Familienhebammen erarbeitet. Weiterhin haben wir in Zusammenarbeit mit dem NZFH eine praxisnahe Dokumentationsvorlage erstellt, die die besonderen Aspekte der Familienhebammenarbeit berücksichtigt und die kostenlos über das NZFH bezogen werden.

Inzwischen bin ich beim Thema gesundheitliche Versorgung von schwangeren Frauen, Gebärenden, Müttern und stillenden Frauen durch Hebammen angekommen. Hintergrund ist, dass wir nicht länger nur für unsere Zielgruppen, also für schwangere Frauen oder Wöchnerinnen, forschen, sondern ausdrücklich ihre Wünsche berücksichtigen wollen. Das bedeutet, dass wir zunächst einmal die Wünsche, Erwartungen und Prioritäten der Frauen, die durch Hebammen versorgt werden, in aller Breite und Tiefe ausloten müssen.

Daraus ist das Hebammenversorgungsprojekt "Präferenzen und Defizite in der hebammenrelevanten Versorgung in Deutschland aus Sicht der Nutzerinnen und Hebammen" entstanden.  Es ist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert und von unserem Team (Elke Mattern M.Sc., Dipl. psych. Susanne Lohmann, Änne Kirchner B.Sc. und mir) bearbeitet worden. Am 30. September haben wir das Projekt mit einem Fachtag an der Martin Luther Universität Halle Wittenberg abgeschlossen. Ich denke, Forschungsarbeiten wie die unsrige tragen wesentlich dazu bei, die Hebammenwissenschaft in Deutschland weiter zu etablieren. Außerdem sorgen wir dafür, dass die Fragestellungen unserer Klientinnen in den Vordergrund rücken und wir diese vorrangig beantworten.

Haben Sie in der bisherigen Forschung Fragestellungen vermisst, die Sie in der neuen Studie untersuchen wollten?
Die Zufriedenheit der Frauen mit Hebammen wurde bereits verschiedentlich untersucht. Wir wollten jedoch eine breit angelegte Untersuchung durchführen, die die gesamte Versorgung durch Hebammen umfasst: also zum einen sowohl die Schwangerenvorsorge als auch die Begleitung bei der Geburt, die Wochenbettbetreuung und die Begleitung bis zum Ende der Stillzeit. Zum anderen wollten wir sowohl die klinische Hebammenversorgung als auch die ambulante freiberufliche Tätigkeit von Hebammen einschließen.

Das Schwierige in der Forschung ist ja, dass man Frauen nicht einfach fragen kann: "Sagen Sie mal, welches Thema oder welches Anliegen sollen wir denn beforschen?" Forscherinnen müssen hier einen anderen Weg finden. Wir fragen die Frauen nach ihren Erfahrungen. Woran erinnern sie sich gerne? Mit welchen Erfahrungen verbinden sie Gefühle der Enttäuschung oder der Frustration? In unserer Studie wollten wir also von den 50 Frauen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Situationen erfahren, welche Wünsche und Präferenzen sie mit Blick auf ihre körperliche und emotionale Gesundheit haben und was sie von Hebammen und der Hebammenversorgung erwarten. Das konnten wir den verschiedenen Schilderungen, Erfahrungsberichten und den lebhaften Diskussionen entnehmen, die die Frauen in kleinen Gruppen (so genannten Fokusgruppen) führten. Danach war es unsere Aufgabe als Forschungsteam, diese Gespräche in mehreren aufwändigen Analyseschleifen zu untersuchen und daraus die für die Frauen wichtigen Themen und Anliegen herauszuarbeiten.

Ein Ergebnis: Zukünftig werden wir noch stärker darauf achten, schwangere Frauen und Mütter als Nutzerinnen der Hebammenversorgung in die Planung und Umsetzung von Forschungsprojekten einzubeziehen. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass wir neben den Fokusgruppengesprächen der Frauen auch Fokusgruppen mit 20 Hebammen geführt haben. Diese Gespräche unterstrichen teilweise die Anliegen der Frauen, teilweise richteten sie sich aber auch auf Themen, die für sie als Berufsgruppe von Bedeutung waren. 

Welche Erwartungshaltung haben Schwangere und junge Mütter an Hebammen?
Es ist gar nicht so einfach, das auf einen Nenner zu bringen. Aus dem Gesprächsmaterial der Fokusgruppen haben wir eine große Fülle an Informationen gewonnen! Ich versuche einmal, das Panorama von unterschiedlichen Erwartungen und Wünschen zu skizzieren: Zuallererst wollen Frauen über die Hebammenleistungen informiert werden, die sie in der Schwangerschaft, bei der Geburt, im Wochenbett und in der Stillzeit gesetzlich beanspruchen können. Sie wünschen sich von jeder Hebamme eine verlässliche grundlegende Versorgung und zugleich eine Betreuung, bei der auf ihre individuelle Situation eingegangen wird. Die Frauen möchten spüren können, dass ihre Schwangerschaft und Mutterschaft etwas Besonderes sind. Sie möchten auch in der Bindung zu ihrem (ungeborenen) Kind unterstützt werden.

Die Frauen erwarten von Hebammen ein aktuelles Fachwissen und Kompetenz (und trauen es ihnen zu). Sie fordern aber auch, dass die Hebamme ihre eigenen Grenzen kennt und sie im Bedarfsfall an eine andere Fachperson weiterleitet. Frauen wollen vorausschauend begleitet werden, d.h. sie wollen nicht darauf angewiesen sein, alle Informationen von der Hebamme erfragen zu müssen. Sie wünschen sich vielmehr, dass die Hebamme von sich aus alle nötigen Informationen frühzeitig und ohne Wertung anbietet, damit die Frau Zeit hat, sich zu entscheiden und selbst bestimmen kann, wie ihre Versorgung aussehen soll.

Insbesondere in der Schwangerschaft wünschen sich Frauen eine gute Kooperation zwischen Hebammen und den Frauenärztinnen/Frauenärzten. Bestehende Konflikte zwischen den beiden Berufsgruppen sollen keinesfalls auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden.

Frauen freuen sich, wenn Hebammen sich um ihre emotionale Gesundheit kümmern und sich für ihre psychosoziale Situation interessieren. Das tut ihnen gut und hilft ihnen, die unterschiedlichsten Herausforderungen zu bewältigen.

Im Besonderen wünschen sich Frauen die kontinuierliche Versorgung durch Hebammen. Sie finden es widersinnig, dass sie sich in der Schwangerschaft um eine passende Hebamme bemühen und dann bei der Klinikgeburt durch eine Hebamme betreut werden, die sie sich nicht ausgesucht haben. Dadurch wird aus ihrer Sicht das notwendige Vertrauensverhältnis in ihrer Versorgung sozusagen "unterbrochen".

Wie müsste aus Sicht der Frauen die optimale Versorgungsstruktur aussehen?
Wie die optimale Struktur der Hebammenversorgung aussehen sollte, lässt sich nicht so einfach beantworten. Ich möchte jedoch einige "wunde Punkte" benennen, die aus der Sicht der Frauen Defizite in der Hebammenversorgung darstellen. Zunächst einmal ist zu sagen, dass die Frauen sehr wohl wahrnehmen, dass es einen gewissen Hebammenmangel gibt. Insbesondere Frauen in ihrer ersten Schwangerschaft wenden unverhältnismäßig viel Zeit und Mühe auf, um eine Hebamme zu finden. Viele Frauen erfahren viel zu spät, dass sie auch in der Schwangerschaft hätten Hebammenhilfe in Anspruch nehmen können. Hier wünschen sie sich eine frühzeitige Information über die Frauenarztpraxen. 

Ganz speziell wollen schwangere Frauen nicht nur wissen, welche Leistungen einzelne Hebammen in einer Region anbieten, sondern auch etwas über ihre "philosophische Ausrichtung" erfahren. Zudem wünschen sie sich ein Foto auf der Hebammenliste oder auf der Internetplattform, umso leichter eine Hebamme zu finden, die zu ihnen passt. Darüber hinaus würden sie gerne mehr über die spezielle Ausrichtung der unterschiedlichen Kliniken und Möglichkeiten von Geburten im Geburtshaus oder zuhause erfahren.

Ganz deutlich wurde von den Frauen der Versorgungsmangel in der sogenannten Latenzphase, also der Phase bevor die aktive Eröffnungsphase der Geburt beginnt, benannt: Frauen wünschen sich eine Hebamme, die ihnen sagt, wann es an der Zeit ist, in die Klinik zu fahren. Sie würden es begrüßen, wenn die Hebamme dann den Befund gleich an die Klinikhebammen durchgeben würde, so dass diese bei ihrer Ankunft informiert sind. 

Frauen fühlten sich eher von der Hebamme allein gelassen, wenn sie einen Kaiserschnitt erhalten oder ein totes Kind zu beklagen hatten. Hier wünschten sie sich sehr viel Feinfühligkeit (auch in der sprachlichen Ausdrucksweise) und Beratungskompetenz.

Ein weiterer Kritikpunkt war auch die Diskrepanz zwischen der Information, die die Frauen beim Klinik-Informationsabend erhielten, und der tatsächlich erlebten Hebammenbetreuung bei der Klinikgeburt. Abschließend kann noch gesagt werden, dass die Frauen sich klarere Absprachen darüber wünschen, zu welchen Zeiten und mit welchen Medien die Hebamme erreichbar ist, und was sie tun oder an wen sie sich wenden kann, wenn die Hebamme nicht erreichbar ist. 

Insgesamt zeigt sich ein buntes Bild, bei dem noch einige Farbtupfer und Figuren fehlen. Ich bin den Frauen sehr dankbar für ihren großen Beitrag, den sie in den Fokusgruppengesprächen geleistet haben! Diese Fülle an Informationen bietet uns mehr als nur eine Chance, die gesundheitliche Versorgung durch Hebammen in Deutschland weiterhin und nachhaltig zu verbessern.

Frau Ayerle, vielen Dank für das Gespräch!


Zuletzt geändert am 22.05.2017