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Sachsen fördert Hebammen in einem bundesweit einzigartigen Modell

05.01.2017

Sachsen möchte die Versorgung mit Hebammenhilfe für Schwangere und Familien sichern und Hebammen im Land halten. Ein fraktionsübergreifender Beschluss auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen möchte vor allem freiberuflich tätige Hebammen unterstützen. In Sachsen gibt es in vielen Regionen einen Mangel an Hebammenleistungen – in der Geburtshilfe, bei der Schwangerenvorsorge und bei der Wochenbettbetreuung. Hebammen sollen jetzt eine finanzielle Unterstützung bekommen, wenn der Sicherstellungszuschlag der gesetzlichen Krankenkassen nicht greift. Dafür wurde ein Programm beschlossen, das bisher einzigartig ist in Deutschland.

Foto: Noel Matoff

 

Wir haben bei Grit Kretschmar-Zimmer, der Vorsitzenden des Sächsischen Hebammenverbandes nachgefragt, was dieses Programm für Sie und die Hebammen in Sachsen bedeutet.

Frau Kretschmar-Zimmer, wie ist aktuell die Situation der Hebammen in Sachsen?

Grit Kretschmar-Zimmer: In den vergangenen Jahren sind rund ein Viertel der Hebammen in Sachsen aus dem Beruf ausgestiegen. Grund waren die immer stärker ansteigenden Haftpflichtprämien vor allem in der Geburtshilfe. Wir gehen davon aus, dass derzeit nur 70 freiberufliche Hebammen überhaupt noch Geburtshilfe anbieten in ganz Sachsen. Leider bietet auch der Sicherstellungszuschlag keine hundertprozentige Entlastung. Schließlich steigt die Haftpflichtprämie weiter. Und es bekommen nicht alle Hebammen den Zuschlag. Die Situation ist angespannt und wir Hebammen müssen immer mehr Anfragen nach Hebammenhilfe von Schwangeren und Müttern ablehnen.

Hilft Ihnen da das sächsische Förderprogramm?

Grit Kretschmar-Zimmer: Wir haben große Hoffnung, dass es uns hilft! Hebammen in Sachsen bekommen Versorgungsgelder in Höhe von 175.000 Euro für erstmal zwei Jahre. Das Sozialministerium muss jetzt einen schnellen und möglichst unbürokratischen Weg finden, diese Gelder auszuzahlen. Wir hoffen, dass damit Notlagen bei Hebammen gemildert werden können. Wir wollen unsere Hebammen damit stützen und im Beruf halten. Anfang Juli steigt ja die Haftpflichtprämie erneut auf dann 7.639 Euro. Es wäre gut, wenn die Gelder bis dahin angekommen sind. Das Programm umfasst aber noch mehr: Schon im Februar soll ein erster Runder Tisch tagen, der Kliniken, Geburtshäuser, das Sozialministerium, uns vom Hebammenverband und viele mehr an einen Tisch bringt. Dort sollen die aktuellen Problematiken von Hebammen in Sachsen besprochen und Lösungswege gefunden werden.

Was wollen Sie beim Runden Tisch in Sachsen erreichen?

Grit Kretschmar-Zimmer: Die Anzahl unserer Hebammen soll sich mindestens halten, wenn möglich sogar wieder erhöhen. Wir haben bisher keine akademische Ausbildung für Hebammen in Sachsen. Da diese ein Weg in die Zukunft ist, müssen wir auch darüber sprechen. Insgesamt soll der Blick geschärft werden: wir haben nicht nur in der freiberuflichen Geburtshilfe ein Problem, sondern auch in anderen Bereichen wie der Wochenbettbetreuung. Der Runde Tisch muss zudem erstmal die Ursachen beleuchten: Was ist überhaupt los? Erst dann können wir uns weitere Fragen stellen: Was kann hier in Sachsen geändert werden? Was muss gesamtgesellschaftlich anders werden? Sehr hilfreich wird da die geplante Studie sein zur Versorgung mit Hebammenhilfe in Sachsen. Sie muss im Detail beleuchten, wie die Versorgungslage aktuell ist und Zukunftsszenarien entwickeln. Wir müssen darüber nachdenken, wie die Situation in fünf Jahren sein wird. Sachsen hat derzeit die niedrigste Rate bei Kaiserschnitten bundesweit. Ist diese zu halten, wenn die Versorgung mit Hebammen immer schlechter wird? 

Sie sehen, wir wollen noch viel erreichen! Wir haben aber aktuell auch schon viel erreicht: finanzielle Unterstützung von Hebammen, ein Runder Tisch, eine Studie zur Versorgung. Das gibt mir Hoffnung, dass sich wirklich etwas verbessert für uns Hebammen und für die Frauen und Familien, für die wir da sein wollen. Ich bin seit 12 Jahren berufspolitisch tätig und unsere Situation als Hebammen hat mich manchmal wirklich müde gemacht. Aber jetzt gibt es diesen Erfolg! Ich möchte meinen Kolleginnen und auch unseren vielen Unterstützerinnen und Unterstützern Mut machen: Bleibt dran, engagiert euch weiter.

Wir danken für das Gespräch!


Grit Kretschmar-Zimmer, 1. Vorsitzende Sächsischer Hebammenverband e. V.


Zuletzt geändert am 22.05.2017