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Wir brauchen ein Umdenken in der Geburtshilfe

01.03.2017

Hebammenverband lehnt Mindestmengen in geburtshilflichen Abteilungen ab

Susanne Steppat, Mitglied des Präsidiums

Susanne Steppat, Mitglied des Präsidiums

Die Krankenkasse AOK fordert in ihrem kürzlich veröffentlichten Krankenhaus-Report 2017 zunehmend Mindestmengen bei Behandlungen in Kliniken. Diese Forderung betrifft auch die Geburtshilfe. Je häufiger ein Eingriff erfolge, desto besser seien die Behandlungsergebnisse für Patientinnen und Patienten – so die AOK. Der Deutsche Hebammenverband e.V. (DHV) kritisiert die Pläne der AOK. Die Geburtshilfe passt grundsätzlich nicht in diese Argumentation. Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des DHV betont: „Eine Geburt ist kein medizinischer Eingriff. Im Gegenteil gilt hier: Je weniger eingegriffen wird, desto besser verläuft eine Geburt.“ Sie ist ein normaler, physiologischer Vorgang und wird deshalb vorrangig von Hebammen begleitet. Ein ärztlicher Eingriff ist nur nötig, wenn eine Geburt nicht mehr regelrecht verläuft.

Mindestmengen in Kliniken gelten bereits bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen. Die meisten Frauen erleben jedoch eine normale Schwangerschaft und erwarten ein gesundes Kind. Die gesamte Versorgung mit Geburtshilfe nur auf problematische Fälle und Frühgeborene auszurichten, führt nach Einschätzung des Hebammenverbands in eine falsche Richtung. Frauen mit Problemen in der Schwangerschaft und mit kranken Kindern müssen in spezialisierten Kliniken mit entsprechender Expertise und Erfahrung behandelt werden. Dort erhalten sie die notwendige medizinische Versorgung. Susanne Steppat betont aber: „Gesunde Frauen mit normaler Schwangerschaft können ebenso sicher oder sogar sicherer zu Hause oder in einer „normalen“ Geburtsklinik ihr Kind bekommen.“ Dies bestätigen u. a. die NICE Guidelines.

Die AOK ist der Meinung, dass alle geburtshilflichen Abteilungen mit weniger als 500 Geburten pro Jahr geschlossen werden sollen. Diesen Vorschlag lehnt der Hebammenverband entschieden ab. „Es geht um rund 150 Kliniken, die dann schließen. Damit hätten wir deutschlandweit große Probleme in der Betreuung von Geburten“, so Susanne Steppat. Eine planlose Schließung rein nach der Anzahl von Geburten sollte auf keinen Fall erfolgen. Bereits jetzt gibt es Landstriche in Deutschland, in denen Schwangere weite Wege zum nächsten Kreißsaal auf sich nehmen müssen. Zudem bestehen schon heute Regionen ohne geburtshilfliche Versorgung wie auf den Inseln in Schleswig-Holstein. Seit 1991 wurden rund 40 Prozent der Geburtshilfen geschlossen. Aktuell gibt es weniger als 700 Kliniken, in denen noch Kinder zur Welt kommen können.

Der Hebammenverband fordert, dass die geburtshilfliche Versorgung an den Bedarfen der Bevölkerung und nicht am Reißbrett geplant wird. Außerdem muss eher die Qualität der geburtshilflichen Abteilungen auf den Prüfstand. Diese hängt nicht von der Geburtenzahl ab – denn auch kleine geburtshilfliche Abteilungen erbringen gute geburtshilfliche Ergebnisse mit zufriedenen Müttern und gesunden Kindern. Bisherige Parameter zur Bemessung von Qualität wie der pH-Wert des Kindes und Verletzungen der Mutter sind unzureichend. Zukünftig sollten beispielsweise auch folgende Fragen bewertet werden: Ist die Frau zufrieden und wurde sie gut betreut? Stillt sie ihr Kind? Wurden ihre Bedürfnisse ernst genommen? Ist sie gemeinsam mit ihrem Kind nach Hause entlassen worden? „Wir brauchen ein Umdenken in der Geburtshilfe“, fordert Susanne Steppat. „Es muss endlich akzeptiert werden, dass es sich bei Geburten nicht um klinische Behandlungen und bei Schwangeren nicht um Patientinnen handelt.“


Zuletzt geändert am 28.03.2017