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Frauen haben Anspruch auf intensive Betreuung und eine flächendeckende Versorgung

17.03.2017

Statement von Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des DHV und Verhandlungsführerin mit dem GKV-Spitzenverband

Katharina Jeschke, Mitglied des Präsidiums

In den Verhandlungen des Deutschen Hebammenverbands und weiterer Hebammenvertreterinnen mit dem GKV-Spitzenverband (GKV-SV) besteht der GKV-SV auf nicht praktikable Anforderungen an die Arbeitsorganisation freiberuflich in der Klinik tätiger Hebammen, sogenannter Beleghebammen. Von deren Einhaltung soll zukünftig die Kostenübernahme der Krankenkassen für Hebammenhilfe bei Schwangeren und Gebärenden abhängen.

Der Hebammenverband lehnt die geplanten Regelungen ab, da sie weitreichende negative Folgen auf die geburtshilfliche Versorgung haben werden: Sie schaffen das System der freiberuflichen Beleghebammen in der heute bestehenden Form ab, ohne dass eine tragfähige Alternative vorliegt.

Qualität in der Geburtshilfe

Der GKV-Spitzenverband wirft dem Deutschen Hebammenverband vor, dass er von seiner Forderung der Eins-zu-eins-Betreuung vermeintlich abrücken. Das ist falsch. Der DHV fordert seit jeher eine Eins-zu-eins-Betreuung. Studien belegen, dass ein Betreuungsschlüssel von einer Hebamme für eine Gebärende zu einem besseren Gesamtergebnis der Geburt führt.

Um die Eins-zu-eins-Betreuung umzusetzen, benötigt es aber ausreichend Hebammen. Denn Geburten sind nicht planbar - weder im klinischen noch im außerklinischen Bereich. Eine Eins-zu-eins-Betreuung ist nur über eine entsprechend hohe Zahl an Hebammen, die sich in Rufbereitschaft für die Frauen befinden, zu realisieren. Das aber kostet Geld. Weder Kliniken noch Hebammen bekommen für diese Wartezeit eine Vergütung. Dies hat der GKV-SV in seinen geplanten Regelungen nicht berücksichtigt.

Vielmehr versucht der Spitzenverband durch Auflagen und Ausschlusskriterien vermeintlich eine intensive Betreuung für Mütter zu installieren. Dabei berücksichtigt der GKV-SV aber nicht: All jene, die diese Auflagen nicht erfüllen können, fallen unter die Kategorie „Ausschluss der Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkasse“. Frauen müssten dann die in Anspruch genommene Hebammenhilfe folglich selbst bezahlen. Eine der neuen Regelungen besagt beispielsweise, dass der Abschluss eines Behandlungsvertrages zwischen Schwangeren und Hebamme bis zur 38. Schwangerschaftswoche stattfinden muss, nachdem zuvor mindestens drei Kontakte zu dieser Hebamme bestanden.

Insgesamt fehlt ein gesamthaftes Konzept für die Versorgung. Die flächendeckende Versorgung wird nicht gesichert und  eine intensive Eins-zu-eins-Betreuung für gesetzlich versicherte Frauen mitnichten unterstützt.

Der DHV fordert eine Eins-zu-eins-Betreuung für alle Frauen. Dabei darf keine Rolle spielen, ob die Hebamme angestellt oder freiberuflich tätig ist. Wir fordern zudem eine angemessene Vergütung für diese intensive Leistung für alle Hebammen.

Nur dann, wenn dieses Leistungsangebot wirtschaftlich sinnvoll für freiberufliche Hebammen und Kliniken ist, werden ausreichend Hebammen für die geforderte intensive Geburtsbetreuung zur Verfügung stehen. Auf dieser Basis kann ein tragfähiges Versorgungskonzept entwickelt werden. Eine qualitativ hochwertige Betreuung kostet Geld. Eine mögliche  Kostenersparnis wird anschließend durch das bessere Ergebnis erreicht. Es kann nicht immer weiter gespart werden – vor allem nicht am Personal, das für die guten Ergebnisse notwendig ist. Eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Betreuung benötigt außerdem ein solides Konzept. Beides fordert der DHV. Beide Aspekte hat der GKV-SV komplett außer Acht gelassen.

Sollten die geplanten Neuregelungen des GKV-SV umgesetzt werden, entsteht ein großes Problem in der Versorgung von Schwangeren und Gebärenden. Der GKV-Spitzenverband verschleiert dies.

Das geplante Modell der Gesetzlichen Krankenkassen geht zu Lasten von Gebärenden.

Ein Beispiel: In der klinischen Betreuung der Mütter durch freiberufliche Hebammen, die im Dienstplan der Klinik auf die Frauen warten, soll die Regelung folgendermaßen sein: Zwei Frauen bei der Geburt zu betreuen wäre möglich. Sobald aber eine dritte Mutter, die ebenfalls gesetzlich versichert ist, die Hilfe der Hebamme benötigt, soll deren Hilfebedarf nicht mehr bezahlt werden. Es ist unabhängig davon, ob diese Frau eine kurze Frage hat, eine schnell zu lösende Hilfestellung bei Beschwerden oder ob diese selbst ein Kind gebären möchte. Sie würde diese Hebammenhilfe selbst bezahlen müssen, wenn Hebammen diese nicht ohne Vergütung erbringen wollen. Das gilt auch für die Zeit, die eine weitere Hebamme benötigen würde, um die Betreuung der dritten Frau zu übernehmen.

Der DHV fordert eine angemessene Vergütung sowie Regelungen, die Frauen und Hebammen einhalten können. Wir lehnen ab, dass gesetzliche Krankenkassen nur eine eingeschränkte Hebammenhilfe für gesetzlich versicherte Frauen bezahlen möchten! Besonders vor dem Hintergrund der heute existierenden flächendeckenden Mangelversorgung mit Hebammenhilfe würden diese Regelungen eine Zweiklassenversorgung mit Hebammenhilfe bedeuten. Denn sie beziehen sich nur auf gesetzlich versicherte Frauen. Das bedeutet: privat versicherte Frauen bekommen die Hebammenhilfe bezahlt, die zur Verfügung gestellt werden kann. Gesetzlich versicherte Frauen bekommen Hebammenhilfe nur zu den von den Kassen verlangten Konditionen bezahlt. Sind diese nicht einzuhalten, bezahlen sie die dennoch mögliche Hebammenversorgung selbst. Das widerspricht dem Ethikkodex des Hebammenberufes. Denn Hebammen sind für alle Frauen gleichermaßen da. Unabhängig ihrer Herkunft und auch unabhängig von ihrem Versichertenstatus!

Vergütung freiberuflicher Hebammen          

Beleghebammen arbeiten seit Jahren mit sehr niedriger Vergütung bei Geburten. Aktuell behauptet der GKV-Spitzenverband auf seiner Webseite, dass die Kassen die Vergütung der Beleghebammen eine „deutliche prozentuale Steigerung“ erhalten soll.

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass sich Prozente immer auf den Ausgangswert beziehen. Die Hebammenvergütung ist seit Jahren zu niedrig. Insgesamt bietet der GKV-SV aktuell eine durchschnittliche Vergütungssteigerung von 2,3 Prozent für freiberufliche Hebammenleistungen. Mehr Prozentpunkte in einem Leistungsbereich bedeuten also zwangsläufig weniger Vergütungssteigerung in einem anderen Bereich.

Aber: Die neuen Leistungsanforderungen des Vertrages machen die Hebammenleistung insgesamt deutlich aufwändiger. Das muss in der Konsequenz bedeuten, dass die gesamte Hebammenarbeit eine spürbare finanzielle Aufwertung bekommt.

Es ist das Zusammenwirken der verschiedenen Forderungen des GKV-SV, die schlussendlich zu fatalen Folgen für Hebammen, aber ganz besonders auch für gesetzlich versicherte Frauen führen wird.

Das gilt es zu verhindern!


Zuletzt geändert am 07.11.2017