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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Hebammen in Deutschland betreuen dreimal so viele Gebärende wie in Großbritannien oder Norwegen

Hebammenverband fordert mehr Personal und eine Eins-zu-eins-Betreuung in Kreißsälen

Foto: pitopia/Bernd Ege

Der Deutsche Hebammenverband konnte bereits Ende 2015 eine immer angespanntere Arbeitssituation von Hebammen aufgrund sehr hoher Arbeitsbelastung und zunehmender Personalknappheit nachweisen.

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags ist jetzt auf Anfrage von Birgit Wöllert, MdB der Frage nachgegangen, wie sich die Situation in anderen Ländern darstellt und ob es dort Instrumente zur Personalbemessung und Personalplanung gibt.

In Deutschland wird zwar eine Eins-zu-eins-Betreuung von einer Hebammen für eine Frau empfohlen auf der Basis einer S1-Leitline. Die Ausarbeitung kommt jedoch zum Schluss, dass die Empfehlung ohne erkennbare Wirkung bleibt. In anderen Ländern wie England, Norwegen und Spanien wird ebenfalls eine Eins-zu-eins-Betreuung empfohlen und außerdem Maßnahmen zu deren Umsetzung und Einhaltung ergriffen. Die Ausarbeitung des Deutschen Bundestags zeigt auf, dass in Deutschland die vorliegenden Hinweise auf eine Problemlage in der klinischen Geburtshilfe bisher ohne Konsequenz bleiben.

Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands meint zur aktuellen Situation: „Der ökonomische Druck auf Kliniken in Deutschland hat dazu geführt, dass die Versorgung von Frauen in der Geburtshilfe schlecht ist. Jahrzehntelang wurde am Personal gespart, um Geld zu verdienen. Die Geburtshilfe insgesamt ist chronisch unterfinanziert. Hebammen haben dies bisher kompensiert. Wir haben jetzt jedoch den Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht. Viele Kliniken finden keine Hebammen oder Ärzte mehr, die unter den Bedingungen dort arbeiten möchten. Darunter leiden letztlich dann Schwangere und Gebärende.“

Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands betont: „Wir brauchen in Deutschland eine bundeseinheitliche Gesundheitspersonalstatistik, über Bundesländergrenzen hinweg. Eine individuelle, an den Bedürfnissen der Gebärenden und der Kinder orientierte Eins-zu- eins- Betreuung durch Hebammen wird bereits in vielen Ländern erkannt, gefordert und gefördert. Warum  nicht auch in Deutschland?“

In Deutschland sind fast 9.000 Hebammen in Kliniken angestellt beschäftigt. Das entspricht aber - bei einer sehr hohen Teilzeitquote - nach den Ergebnissen der Umfrage des Hebammenverbands nur etwa 6.000 Vollzeitstellen. Damit hätte in Deutschland jede in Vollzeit beschäftigte Hebamme eine Geburtenzahl von fast 100 Geburten pro Jahr. Im Vergleich dazu sollen in Großbritannien Hebammen nur 27 bis 32 Geburten im Jahr betreuen. Das entspricht einer Eins-zu-eins-Betreuung dort. Norwegen geht von 33 Geburten im Jahr pro Hebamme aus.

Diese Situation muss nach Einschätzung des DHV dringend geändert werden. Dazu ist eine Abschätzung des zukünftigen Bedarfs an Hebammen und Maßnahmen, diese zeitnah auszubilden oder zu gewinnen, nötig. Viele Länder setzen solche Maßnahmen bereits um, weil sie anerkennen, dass Hebammenhilfe zur medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung gehört. Es gibt in Deutschland zudem Personalreserven bei gut ausgebildeten und berufserfahrenen Hebammen, die einfach aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und der geringen Bezahlung den Kliniken nicht mehr zur Verfügung stehen.

Eine S1-Leitlinie zur Personalbemessung wie hier in Deutschland ist aus Sicht des Hebammenverbands nicht das angemessene Instrument, um eine qualitätsorientierte Personalbesetzung zu begründen, da Evidenzen fehlen. Forschungsprojekte zur Personalbemessung mit Hebammen oder eine S3 Leitlinie, die von den entsprechenden Fachgesellschaften (DGHWi und DGGG) erstellt wird, wären relevant und sollten finanziell unterstützt werden.

Zuletzt geändert am 21.08.2020