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Interview mit Beleghebamme Eva Juraschko zum Vorschlag des GKV-Spitzenverbandes: "Starre Regeln bilden die Realität nicht ab"

03.04.2017

Eva Juraschko ist seit 25 Jahren Beleghebamme. Bereits seit 1998 arbeitet sie an der Frauen- und Kinderklinik St. Hedwig in Regensburg, inzwischen als leitende Hebamme. Die Klinik gehört zum Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, dem größten katholischen Krankenhaus Deutschlands. Die Hedwigsklinik ist außerdem die Geburtshilfe-Klinik der Universität Regensburg. 32 Beleghebammen betreuen an der Klinik St. Hedwig über 3.000 Geburten im Jahr.

Foto: pitopia/Bernd Ege

„In der Realität nicht umzusetzen“, so ist die einhellige Meinung der Hebammen-Kolleginnen zu den aktuellen Vorschlägen der Krankenkassen zur Reglementierung der geburtshilflichen Leistung von Beleghebammen. Über ihren Alltag und die damit einhergehenden Herausforderungen berichtet Eva Juraschko.

Über 3.000 Geburten im Jahr, das ist eine stolze Zahl. Wie organisiert man das?

Eva Juraschko: In den letzten Jahren ist unser Team der Beleghebammen konstant gewachsen, denn wir haben die Personalstruktur an die Geburtenzahl und die täglichen Herausforderungen angepasst. Darüber hinaus haben wir an unseren Teamstrukturen gearbeitet und diese kontinuierlich verbessert. Beispielsweise gibt es nun einen Aufnahme- und Organisationsdienst. Und wir sind immer mit vier Hebammen im Tagdienst und vier Hebammen im Nachtdienst besetzt, wobei nicht immer alle Hebammen im Kreißsaal anwesend sind. Zwei sind immer fest dort, die beiden anderen auf Rufdienst. Wenn dann mehr Familien und Frauen kommen, werden die Kolleginnen entsprechend aus dem Rufdienst geholt. Wir arbeiten alle im Schichtdienst und organisieren uns in 12-Stunden-Schichten.

Ist es bei dieser hohen Geburtenzahl möglich, seinen eigenen Ansprüchen an die Arbeit gerecht zu werden?

Hebamme Eva Juraschko

Eva Juraschko: Wir versuchen es jeden Tag und das klappt auch sehr gut. Denn sonst kann man diesen Beruf nicht ausüben und ist nicht zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Es gibt ja einige Möglichkeiten, auf die äußeren Umstände zu reagieren. Da wir Hebammen alle als Beleghebammen arbeiten, organisieren wir uns eigenständig. Für uns als Team ist das Wichtigste, dass wir unsere Frauen gut betreuen und auch ausreichend Zeit für sie haben. Dafür haben wir die Arbeit entsprechend der verschiedenen Anforderungen strukturiert: Es gibt Geburtshebammen, die tatsächlich Frauen unter der Geburt betreuen, und eine Organisationshebamme. Diese kümmert sich beispielsweise um die ambulanten Aufnahmen und weist den Kolleginnen, wenn sie nach Abschluss einer Geburt wieder freie Kapazitäten haben, die nächste Schwangere zu. Wir versuchen stets, dass jede Geburtshebamme maximal zwei Frauen bei der Geburt betreut. Aber bei rund 3.000 Geburten im Jahr funktioniert das nicht immer, denn es gibt auch mal Tage, an denen zwölf Stunden lang acht oder auch mehr Frauen gebären. Allerdings befinden sich nicht alle Frauen in der gleichen Phase der Geburt und benötigen deshalb nicht die gleiche intensive Betreuung.

Zur Geburtsbetreuung kommen für uns die Aufnahme von Frauen mit vorzeitigen Wehen und der stark wachsende ambulante Bereich, wenn beispielsweise Frauen eine Zweitmeinung einholen wollen. Das ist eine enorme zusätzliche Herausforderung neben den über 3.000 Geburten im Jahr. Deshalb sind wir immer wieder auf der Suche nach neuen Kolleginnen, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Aber uns ist bewusst, wie schwierig es inzwischen ist, Hebammen zu finden.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund von den Plänen der Krankenkassen, dass nur zwei Frauen parallel betreut werden dürfen?

Eva Juraschko: Das System, so wie es jetzt über die Jahre hinweg praktiziert wurde, hat sich sehr gut etabliert. Es ist eine Herausforderung, aber eine, der man mit Organisationstalent und Flexibilität begegnen muss und auch kann. Starre Regeln wie nun vorgeschlagen, bilden aus meiner Sicht die Realität in einer großen Geburtshilfeklinik, wo es eben auch „Spitzen“ gibt, nicht ab. Wir persönlich arbeiten jeden Tag daran, was wir organisatorisch und strukturell ändern können, um den Service für die schwangeren Frauen weiter zu verbessern. Und das ist genau der Punkt: Inwiefern trifft es tatsächlich zu, dass die geplanten Regelungen die Betreuungsqualität für die Frauen erhöhen, so wie es die Krankenkassen ja eigentlich wünschen? Natürlich klingt der Vorschlag, dass eine Hebamme nie mehr zwei Frauen gleichzeitig betreuen soll, positiv. Da wird jede Schwangere zustimmen. Wenn dann aber beispielsweise eine Frau mit vorzeitigen Wehen in der 28. Woche kommt und die Hebamme  sagt „Es tut mir leid, ich habe bereits zwei Frauen unter der Geburt und kann sie jetzt leider nicht mitbetreuen“, dann sieht sie das doch ganz anders aus.


Zuletzt geändert am 28.03.2017