Deutsch English

"Wir brauchen dringend eine Aufwertung des Hebammenwesens“

25.04.2017

„Hebammen, Frauen und Familien: Partner fürs Leben!", unter diesem Motto steht der Internationale Hebammentag am 5. Mai. Der Deutsche Hebammenverband e. V. (DHV) veröffentlicht an diesem Tag seine Auffassung zu einer guten Geburtshilfe. Damit eine gute Geburtshilfe auch in Zukunft gewährleistet ist, braucht es dringend verbesserte Arbeitsbedingungen für Hebammen. Ein Interview mit Martina Klenk, Präsidentin des DHV, zur aktuellen Situation.

Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes

Frau Klenk, was genau läuft denn schief in der Geburtshilfe?
Geburtshilfe ist eingebettet im Kontext unserer Gesundheitswirtschaft zu sehen: In Krankenhäusern wurde in der Vergangenheit eine massive Sparpolitik betrieben, vor allem auf Kosten des Personals, und vor allem im Angestelltenbereich. Die erhöhte Arbeitsverdichtung und der erhöhte Zeitdruck führen bei Hebammen insgesamt zu einer enormen Arbeitsbelastung - und das bei einer extrem hohen Verantwortung und mangelhaften Vergütung.

Die freiberuflichen Hebammen sind gleichermaßen betroffen. Kolleginnen, die freiberuflich in den Kliniken als sogenannte Beleghebammen arbeiten, hinken im Vergütungssystem immer noch hinterher. Die Grundvergütung ist einfach zu niedrig, auch wenn es mittlerweile Vergütungserhöhungen um je 13 und fünf Prozent gab. Das klingt zunächst viel, ist aber aufgrund des geringen Basiseinkommens doch sehr gering. Natürlich kommt bei den freiberuflichen Hebammen außerdem die Haftpflichtprämie dazu. Diese wird in diesem Jahr die 7.000-Euro-Marke knacken. Zwar soll der Sicherstellungszuschlag einen Teil der Kosten erstatten, aber letztlich ist er nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn da die Haftpflichtprämie weiter steigt, wird auch die Differenz zur Ausgleichszahlung weiter steigen. Hier wollen wir eine dauerhafte Lösung, entweder in Form eines Haftpflichtfonds oder in Form einer Schadensregelung analog der gesetzlichen Unfallversicherung.

Ob angestellt oder freiberuflich: Alle Hebammen in der Geburtshilfe sind massiven ökonomischen Zwängen unterworfen. Aber wir bringen zum Arbeiten kein Geld mit, sondern müssen von unserem Einkommen leben können.

Der DHV plant eine Aktion zum Hebammentag: Anhand von zwölf Thesen hat der Verband gute Geburtshilfe auf den Punkt gebracht. Die Thesen sollen am Hebammentag verbreitet und an Kreißsaaltüren, Geburtshäusern und Hebammenpraxen „angeschlagen“ werden. Was hofft der DHV, mit seiner Aktion zum Hebammentag zu erreichen?
Wir wollen Öffentlichkeit herstellen, ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wir geboren werden und wie Frauen gebären. Die Geburt ist nicht nur ein physiologischer Akt, sondern weit mehr. Sie ist ein psychosoziales Ereignis: Eine Frau wird zur Mutter, ein Paar wird Eltern, das ist ein einschneidendes Erlebnis. Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wertvoll der Beginn des Lebens ist. Es ist entscheidend, wie wir geboren werden und wie wir gebären.

Deshalb müssen wir den Anfang des Lebens mehr in den Fokus rücken. Denn ganz ähnlich wie der Sterbeprozess ist auch der Geburtsprozess besonderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Hier haben Effizienzgedanken nichts zu suchen. Es geht um Beistand, um Fürsorge, darum, Verantwortung zu übernehmen, auch für andere. Das alles leisten Hebammen. Wie viele andere soziale Berufe ist auch der Hebammen-Beruf unverzichtbar, der Kit der Gesellschaft. Wir brauchen dringend eine Aufwertung des Hebammenwesens. Zwar ist der Beruf gesellschaftlich durchaus anerkannt, aber das muss sich auch finanziell widerspiegeln.

Was sollte aus der Sicht des DHV passieren, um gegen die Missstände in der Geburtshilfe vorzugehen?
Es geht uns um eine bürgernahe Gesundheitspolitik: Wohnortnahe Geburtshilfe sollte eine viel größere Rolle spielen. Man könnte gemeinsame Praxen von Ärzten und Hebammen und anderen Berufen schaffen, kommunale Einrichtungen, die gemeinsame Dienste anbieten - oder gemeinsam Räumlichkeiten nutzen. Das kann auch Kosten sparen. Dort könnten gut geschulte, interprofessionelle Teams zusammenarbeiten – was auch ein Segen bei Notfällen sein kann. Das Angebot könnte reichen von Themen zur Frauengesundheit über Teenagersprechstunden bis hin zur Mütterberatung. Für solche Leistungen braucht es allerdings eine Finanzierung - und Gewinnerwartungen dürfen keine Rolle spielen. Es muss primär um die Versorgung gehen.

Generell fordert der DHV in der Geburtshilfe eine Eins-zu-eins-Betreuung. Dafür brauchen wir aber mehr Personal – auch, um eine flächendeckende Versorgung von Schwangeren garantieren zu können.

Beim Stichwort „Geburtshilfe“ schlägt im Moment auch folgendes Thema hohe Welle: Der GKV-Spitzenverband (GKV-SV)  plant, Beleghebammen weiter zu reglementieren. So soll eine Beleghebamme beispielsweise künftig nicht mehr als zwei gebärende Frauen gleichzeitig betreuen und abrechnen dürfen. Am 19. Mai wird eine Schiedsstelle entscheiden, ob es zu den neuen Regeln kommt. Was steht an diesem Tag auf dem Spiel?
Unsere Forderung ist die Eins-zu-eins-Betreuung von einer Frau durch eine Hebamme. In die Vertragsverhandlungen hat der Spitzenverband nun einen besonders perfiden Winkelzug eingebracht: Er nutzt unsere Forderung, um sie gegen uns zu verwenden, indem er Beleghebammen weiter reglementieren möchte. Diese sollen künftig nur noch maximal eine Eins-zu-zwei-Betreuung abrechnen dürfen, also die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig. Diese Forderung stellt der GKV-SV nun - wohlwissend, dass sie strukturell nicht umzusetzen ist. Setzt er sich damit durch, wird die geburtshilfliche Versorgung zusammenbrechen.

Dem Spitzenverband geht es dabei nur um die Umverteilung von Kosten, und zwar auf Kosten der Beleghebammen. Denn der Anteil der Beleghebammen an den Gesamtkosten der freiberuflichen Hebammenhilfe beträgt immerhin fast zehn Prozent. Und es kann nicht sein, dass der GKV-SV sich über die Finanzierung der Hebammenleistungen als Regulierer des Hebammenwesens aufführt.

Bei der Umsetzung der geplanten Änderungen des GKV-SV wären nicht nur Hebammen, sondern auch werdende Mütter die Leidtragenden. Denn wenn eine Hebamme künftig eine dritte gebärende Frau nicht mehr zeitgleich zu zwei anderen Frauen betreuen kann, da sie diese Leistung nicht abrechnen darf, müssen die Frauen die Kosten für die Geburtshilfe selbst tragen. Davon abgesehen: Was passiert, wenn eine Frau mit Wehen vor dem Kreißsaal steht, aber nicht betreut werden kann, da eine Hebamme bereits mit zwei Frauen „ausgelastet“ ist? Das betrifft natürlich nicht nur die Mütter, sondern auch die Kinder, die Familien. Gerade deshalb hat das diesjährige Motto zum Hebammentag „Hebammen, Frauen und Familien: Partner fürs Leben!" eine besondere Bedeutung.


Weitere Informationen: 
Eckpunkte für eine gute Geburtshilfe in Kliniken
Statement von Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des DHV: Frauen haben Anspruch auf intensive Betreuung und eine flächendeckende Versorgung
Argumentarium: Geplante Einschränkungen im Abrechnungssystem für freiberufliche Beleghebammen bedrohen geburtshilfliche Teams in Kliniken
Internationaler Hebammentag 2017: für eine gute Geburtshilfe!
Bundesweite Aktionen zum Internationalen Hebammentag


Zuletzt geändert am 18.10.2018