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Fragen und Antworten zu den geplanten Einschränkungen im Abrechnungssystem für Beleghebammen

17.05.2017

Der Deutsche Hebammenverband mit Antworten auf Fragen zu den geplanten Einschränkungen im Abrechnungssystem für Beleghebammen.

Der GKV-SV plant Änderungen bei der Vergütung in der Geburtshilfe bei Beleghebammen.

Was sind Beleghebammen?

Beleghebammen sind freiberuflich tätige Hebammen, die ihre Leistung entweder in der Eins-zu-eins-Betreuung oder im sog. Belegteam in der Klinik anbieten. Insgesamt arbeiten in Deutschland 1.838 Hebammen als Beleghebammen (Destatis, Grunddaten der Krankenhäuser 2015). Sie führten im Jahr 2015 insgesamt 140.075 Geburten durch – das heißt: Rund 20 Prozent aller Geburten werden von Beleghebammen begleitet (im Schichtsystem und in Eins-zu-eins-Betreuung).


Weshalb fordern die Hebammenverbände eine Erhöhung der Vergütung?

Wir fordern eine Erhöhung der Vergütung für alle freiberuflichen Hebammentätigkeiten. Ein Beispiel ist die Tätigkeit der Beleghebammen: Das lange Zeit an sich bewährte System ist in den vergangenen Jahren für Beleghebammen zunehmend unwirtschaftlich geworden. Dies liegt an der geringen Grundvergütung und den überproportional stark angestiegenen beruflichen Kosten. So ist beispielsweise die Haftpflichtversicherung für die Geburtshilfe in den letzten zehn Jahren von 1587 Euro auf 6843 Euro gestiegen. Die Hebammenverbände fordern deshalb eine Erhöhung der Vergütung auf ein Niveau, das dem Aufwand und der Verantwortung der Tätigkeit der Hebammen entspricht.


Der GKV-Spitzenverband behauptet, dass Beleghebammen mehr Vergütung bekommen sollen, der Hebammenverband widerspricht. Was stimmt?

Beleghebammen arbeiten seit Jahren mit sehr niedriger Vergütung bei Geburten. Aktuell behauptet der GKV-Spitzenverband auf seiner Webseite, dass die Vergütung der Beleghebammen eine „deutliche prozentuale Steigerung“ erhalten soll. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass sich Prozente immer auf den Ausgangswert beziehen. Die Hebammenvergütung ist seit Jahren zu niedrig. Insgesamt bietet der GKV-SV aktuell eine durchschnittliche Vergütungssteigerung von 2,3 Prozent für freiberufliche Hebammenleistungen. Mehr Prozentpunkte in einem Leistungsbereich bedeuten hier weniger Vergütungssteigerung in einem anderen Bereich. Die neuen Leistungsanforderungen des Vertrages machen die Hebammenleistung insgesamt deutlich aufwändiger. Beleghebammen sollen außerdem zukünftig nur noch maximal zwei Leistungen parallel abrechnen können. Für viele Hebammen bedeutet dies, dass sie weniger abrechnen können als sie tatsächlich leisten müssen. Damit haben sie weniger Umsatz als bisher.


Was fordert der GKV-Spitzenverband?

Die Forderung der Verbände möchte der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) zum Anlass nehmen, Neuregelungen im Vertrag zu verankern. Diese sind:

  • Beleghebammen, die in einem Dienstplan- oder Schichtsystem in einer Klinik tätig sind, sollen in der Leistungsmenge reglementiert werden. Sie dürften dann nur noch maximal eine Eins-zu-zwei-Betreuung abrechnen, also die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig, unabhängig von den unterschiedlichen Phasen der Geburt bzw. vom Betreuungsbedarf der jeweiligen Frau. Eine dritte Geburtsbetreuung oder eine Hilfeleistung bei Beschwerden bei anderen Schwangeren sollen mit den gesetzlichen Krankenkassen im selben Zeitraum nicht mehr abrechenbar sein.

  • Eine Eins-zu-eins-Betreuung mit Hebammen, die ihre Arbeitszeit in Form einer geplanten Dienstzeit im Schichtdienst zur Verfügung stellen, soll ersatzlos entfallen.

  • Die Beleghebammentätigkeit, bei der Hebammen nur dann in die Klinik kommen, wenn sie von der Schwangeren dorthin gerufen werden (sie arbeiten nicht in einem Dienstsystem der Klinik), soll umorganisiert und umbenannt werden. Künftig soll diese Betreuungsform „Begleit-Beleggeburt“ heißen und nur nach stringenten Vorgaben abrechenbar sein bzw. den Schwangeren von den Krankenkassen vergütet werden.
    Bedingung soll sein: Schwangere müssen mindestens drei Leistungen der Beleghebamme bis zur 38. Schwangerschaftswoche in Anspruch genommen und bis zu diesem Zeitpunkt einen entsprechenden Behandlungsvertrag abgeschlossen haben. Die „Begleit-Beleghebamme“ muss die geburtshilfliche Leistung höchstpersönlich erbringen. Eine Vertretung ist nur dann möglich, wenn vorab die Vertretung namentlich benannt werden konnte. Eine kurzfristige Vertretung in Form einer Übernahme der Betreuung durch eine andere Hebamme ist, nach der Forderung der Krankenkassen, auch dann nicht mehr möglich, wenn beispielsweise eine überlange Geburtsdauer die Übergabe der Gebärenden in eine andere Hebammenbetreuung dringlich erforderlich machen würde.


Was kritisiert der Deutsche Hebammenverband (DHV) an den geplanten Neuregelungen der Krankenkassen?

Bei den aktuell geplanten Neuregelungen des GKV-SV sind deren weitreichende Folgen ausgeblendet. Die Neuregelungen würden nicht zu der von den Krankenkassen propagierten Qualitätssteigerung führen. Insbesondere nicht vor dem Hintergrund, dass deutschlandweit Hebammenhilfe bereits an vielen Orten nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht. Anstelle einer Qualitätssteigerung geht es um Kosteneinsparungen.

Der DHV kritisiert:

  • Eine Eins-zu-eins-Betreuung wäre nur noch in streng reglementierten Fällen möglich und eine Übergabe der Eins-zu-eins-Betreuung an eine ausgeruhte Hebamme bei langer Dauer der Geburt ist nicht vorgesehen.

  • Eine Eins-zu-zwei-Betreuung ist nicht in allen Fällen zu garantieren, da die Zeit, in der eine Geburt stattfindet, nicht planbar ist. Daher kann es zu einer vorübergehenden Häufung von Geburten kommen. In Deutschlands Kreißsälen betreuen 95 Prozent der Hebammen bereits häufig zwei und oft sogar noch mehr Frauen gleichzeitig während der Geburt. Um eine Eins-zu-zwei-Betreuung umzusetzen, benötigt es ausreichend Hebammen. Denn Geburten sind nicht planbar – weder im klinischen noch im außerklinischen Bereich.

  • Durch die Bedingung einer „höchstpersönlichen Betreuung“ werden bestehende Teamstrukturen abgeschafft hin zu einer Solo-Betreuung, weil die Hebammen sich nicht mehr im gesamten Team vertreten können. Dies führt insbesondere in Notfallsituationen zu einer Verschlechterung in der Versorgung.

  • Wenn fachliche Hilfe im Kreißsaal ab der dritten Frau unentgeltlich erbracht werden muss, werden voraussichtlich weniger Hebammen diese Tätigkeit anbieten. Denn die freiberufliche geburtshilfliche Tätigkeit in der Klinik ist bereits seit Jahren mit deutlich geringeren Vergütungspauschalen versehen als beispielsweise freiberufliche Geburtshilfe in Geburtshäusern.

  • Die dritte Frau und alle weiteren müssten die Betreuung durch die Hebamme aus eigener Tasche bezahlen, wenn die Leistung von der Hebamme nicht unentgeltlich erbracht werden soll. Oder die Frauen müssen die Leistung privat bezahlen.

Die geplanten Neuregelungen werden künftig eine Ausübung der freiberuflichen klinischen Tätigkeit von Hebammen unmöglich machen. Der GKV-Spitzenverband erwartet, dass Kliniken die betroffenen Hebammen anstellen, um die klinische geburtshilfliche Versorgung sicherzustellen. Viele Kliniken haben jedoch bereits jetzt Probleme, freie Stellen mit angestellten Hebammen zu besetzen.


Was fordert der DHV?

  • Keine vertragliche Einschränkung der Leistungsmenge

  • Eine angemessene Finanzierung der freiberuflichen Hebammenleistung

  • Die klinische geburtshilfliche Versorgung muss unter Beibehaltung der vorhandenen Strukturen der freiberuflich im klinischen Setting tätigen Hebammen beibehalten und gestärkt werden. Die bundesweite geburtshilfliche Versorgung muss systematisch geplant und organisiert werden. Hierzu bedarf es einer umfassenden datenbasierten Bedarfs- und Angebotserhebung.

  • Qualitätsmaßnahmen müssen entwickelt werden, die die Versorgung der Schwangeren verbessern und sichern. Dabei ist darauf zu achten, dass die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt werden.

  • Eine Etablierung von Organisationsstrukturen, die Teamarbeit ermöglichen, muss gefördert werden. Hierzu gehört auch die Finanzierung von Rufbereitschaften in Beleghebammenteams durch die Krankenkassen.

  •  Eine langfristige Lösung im Bereich der beruflichen Haftung und der dadurch entstehenden betrieblichen Kosten muss angestrebt werden, damit Hebammen eine langfristige berufliche Perspektive haben.


Was ist eine Schiedsstelle?

Wenn sich die Hebammenverbände und die Krankenkassen nicht einigen können, wird die Schiedsstelle angerufen. Dies ist aktuell geschehen und die Schiedsstelle wird am 19. Mai 2017 tagen. Der Beschluss der Schiedsstelle über die strittigen Punkte ist dann für alle Parteien bindend. Die Schiedsstelle muss es per Gesetz geben. Sie besteht aus neun Mitgliedern: drei von den Hebammenverbänden, drei vom GKV-SV und den Gesetzlichen Krankenkassen  und drei unabhängige Mitglieder mit einem unabhängigen Vorsitzenden.


Als PDF-Dokument zum Download:
Fragen und Antworten zu den geplanten Einschränkungen im Abrechnungssystem für Beleghebammen (5/2017)


Zuletzt geändert am 22.05.2017