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"Zentralisierung kein Erfolgsgarant für bessere Geburtshilfe"

16.10.2017

Ein Artikel in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung singt ein Loblied auf die Zentralisierung der Geburtshilfe in Deutschland. Diese Maßnahme habe schließlich in Schweden zu einer niedrigen Säuglingssterblichkeit beigetragen, so eine Aussage des Textes. Das ist allerdings nicht einmal die halbe Wahrheit.

Bild: pitopia/Bernd Ege

"Es ist nicht das Wichtigste, dass die Klinik nah ist und die Geburt schön. Wichtig ist, dass das Baby und die Mutter medizinisch gut versorgt sind", schreibt Nina von Hardenberg in der Süddeutschen Zeitung. Natürlich hat das Wohlbefinden von Kind und Mutter Priorität, und tatsächlich werden in dem Artikel "Wohl geboren" einige der zentralen Probleme der Geburtshilfe in Deutschland richtig benannt. "Aber Zentralisierung ist kein Erfolgsgarant für eine bessere Geburtshilfe", führt Susanne Steppat, Mitglied im Präsidium, dazu aus.

So verweist die Autorin zwar auf die Über-, Unter- und Fehlversorgung, den Personalmangel und die schlechten Arbeitsbedingungen für Hebammen in den Kliniken. Doch trotz steigender Geburtenzahlen werden bundesweit Klinken geschlossen, obwohl nicht geregelt ist, wo die Frauen denn dann ihre Kinder stattdessen bekommen sollen. Die übrigen Kreißsäle sind überfüllt - eine klassische Fehl- bis Gar-Nicht-Planung in den Ländern.

Den Erfolg der schwedischen Geburtskliniken allein der geballten Erfahrung der in den geburtshilflichen Zentren Tätigen zuzuschreiben, ist zu kurz gegriffen. Bei einem Besuch von Mia Ahlberg, Präsidentin des schwedischen Hebammenverbandes, berichtete diese im letzten Jahr Folgendes: Die Schweden selber führen die hohe Anzahl der physiologischen Geburten sowie die niedrige Kaiserschnitt– und Frühgeborenenrate auf die umfassenden Aufgaben der Hebammen im öffentlichen Gesundheitssystem zurück. Die Arbeit von Hebammen gilt in Schweden seit Jahrzehnten als positive Intervention, die es geschafft hat, die Mütter- und Säuglingssterblichkeit auf ein weltweit vorbildliches Niveau zu reduzieren. Die Hebamme ist hier die zentrale Person im Bereich Public Health und betreut Frauen im gesamten Zeitraum vom positiven Schwangerschaftstest bis zum Ende der Stillzeit - ohne die ärztliche Konkurrenz, wie sie in Deutschland üblich ist. Eine hohe Kaiserschnittrate gilt in Schweden als Anzeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Krankenhäuser werden belohnt, wenn sie niedrige Kaiserschnittraten aufweisen. Kliniken sind nicht auf Gewinne ausgerichtet. Überschüsse werden zu gleichen Teilen an das Unternehmen, in Reinvestitionen und in Bonuszahlungen an das Personal verwendet.

"Das und vieles mehr wird vergessen, wenn die niedrige Säuglingssterblichkeit in Schweden lediglich auf die Zentralisierung der Geburtshilfe auf 42 Kliniken reduziert wird", erklärte Susanne Steppat. "Zudem ist es natürlich wichtig, dass die Geburt 'schön' ist - das heißt in der Regel, dass die Mutter nicht traumatisiert wurde." Dafür sei es aber auch wichtig, dass Frauen bei einer Entbindung in der Klinik nicht mit überfüllten Kreißsälen konfrontiert würden. Dazu käme es aktuell jedoch durch die Zentralisierung der Geburtshilfe in Deutschland immer häufiger.

Eine Studie aus den USA ("Mothers' Outcomes after Delivery Study") zeigt deutlich, dass die Erfahrungen, die Mütter bei der Geburt machen, mehr als zehn Jahre nach der Geburt noch einen Einfluss auf sie haben. Dabei schnitt die Vaginalgeburt signifikant besser ab: Diese Mütter waren selbst ein Jahrzehnt später erfüllter und weniger gestresst als Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden wurden.


Zuletzt geändert am 20.11.2017