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„Hebammenwissen: für einen guten Start ins Leben“: Rede von Prof. Lesley Page zum parlamentarischen Abend

06.06.2018

Am 16. Mai 2018 richtete der Deutsche Hebammenverband einen parlamentarischen Abend zur Gestaltung der zukünftigen Hebammenausbildung aus. Ziel war es, über die Notwendigkeit zur vollständigen Akademisierung und die Konzepte des DHV zur Umsetzung zu informieren.

Professorin Lesley Page, Hebamme sowie ehemalige Präsidentin des britischen Royal College of Midwives und der International Confederation of Midwives (Foto: Prof. Lesley Page)

Professorin Lesley Page (Hebamme sowie ehemalige Präsidentin des britischen Royal College of Midwives und der International Confederation of Midwives) aus Großbritannien hielt bei der Veranstaltung eine Rede. In dieser stellte sie anschaulich drei plausible Gründe für eine akademische Ausbildung der Hebammen dar.

Hier können Sie die Rede herunterladen und im Folgenden nachlesen:

Hebammenwissen: für einen guten Start ins Leben

Professor Lesley Page CBE (2018) Midwives learning for life.
Speech at the Parlamentarian Evening / Deutscher Hebammenverband e. V. / Berlin, 16.05.2018

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages, sehr geehrte Frau Senatorin, sehr geehrte Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen,

es ist mir eine große Freude und Ehre, erneut zu Besuch in Deutschland zu sein und im Rahmen dieser parlamentarischen Veranstaltung meine Expertise einbringen zu können. Ich möchte mich beim Deutschen Hebammenverband für die Einladung bedanken. Seit vielen Jahren arbeiten wir nun miteinander und haben das gleiche Bestreben: Den Beruf der Hebamme und die Hebammenarbeit bestmöglich zu gestalten. 

Heute bin ich hier, um zu erläutern, warum der Deutsche Hebammenverband mit dem Bestreben einer Vollakademisierung des Hebammenberufes als Zugangsvoraussetzung für die Berufsausübung unterstützt werden sollte. Dieses Vorhaben spiegelt einerseits das sich weltweit immer mehr abzeichnende politische Vorgehen wider, und steht zugleich für die globale Veränderung, die Hebammenausbildung von Schulen auf Hochschulen umzusiedeln (WHO 2015, Praxmarer-Fernandes S et al 2017). Das Bildungsniveau auf Hochschulebene ist unabdingbar, damit das volle Potential von Hebammen und Hebammentätigkeiten allumfassend genutzt werden kann, und jedem Baby, jeder werdender Mutter und der gesamten Familie der beste Start ins Leben ermöglicht wird.

Drei Gründe, warum die Hebammenausbildung einen Hochschulabschluss benötigt

Im Folgenden beschreibe ich nun drei Gründe, warum die Hebammenausbildung auf Hochschulebene die Grundvoraussetzung für die Ausübung des Hebammenberufes sein sollte. Ein Grund ist die zunehmende Komplexität der Hebammenbegleitung. Hebammen müssen für diese Veränderungen bestmöglich vorbereitet werden, um qualitatives Arbeiten und ein leistungsfähiges Gesundheitssystem für werdende Mütter ermöglichen zu können. Hinzu kommt, dass ein Hochschulabschluss für Hebammen das Interesse von ambitionierten Nachwuchskräften weckt. Hebammen übernehmen ein hohes Maß an Verantwortung für die Betreuung von Frauen und ihren Babys während des Zeitraums von Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebenswochen, wobei sie - wenn notwendig - an andere Berufsgruppen verweisen. Zudem werden Hebammen in ihrer Arbeit auch immer mehr mit den sich ändernden gesundheitlichen Bedürfnissen und komplexen Bevölkerungsgruppen konfrontiert. Das Leben eines Babys beginnt, wenn eine Frau zur Mutter wird, ihr Partner oder ihre Partnerin zum Vater oder zum Elternteil wird und eine neue Familie geboren wird. Sowohl für die Mutter als auch das Kind ist dies eine intensive Zeit, die von unterschiedlichen Veränderungen auf physiologischer, physischer und psychischer Ebene geprägt ist. Die Frau setzt sich während des gesamten Schwangerschaftsverlaufs, des Geburtsprozesses und der eigentlichen Geburt sowie der Phase der Rekonvaleszenz, oder aber auch nach einem operativen Eingriff und dem Genesungsprozess, mit vielen Herausforderungen rund um die Geburt des Babys auseinander. Dieser Zeitraum bedarf der Unterstützung, so dass der Übergang zu einem liebenden und kompetenten Elternwerden ermöglicht wird und die Mutter-Kind-Beziehung, aber auch die Eltern-Kind-Bindung und ein intaktes familiäres Umfeld gestärkt werden. Ein gesunder, glücklicher und erfüllter Start ins Leben braucht Unterstützung. Ebenso benötigt eine Familie mit Verlust, Trauma oder einem unerwarteten Geburtsereignis eine angebrachte und verständnisvolle Begleitung.

Die Hebammenbegleitung an sich wird mit der Zeit immer komplexer. Wir verzeichnen eine Zunahme von nicht-übertragbaren Krankheiten, wie zum Beispiel Diabetes und Adipositas, aber auch von assistierter Reproduktion und einen kontinuierlichen Anstieg von Interventionsraten, wie zum Beispiel den Kaiserschnitt, obwohl all diese in keinem Zusammenhang zu den Bedürfnissen der Bevölkerung stehen. Wir leben in einer zunehmend komplexen Welt mit komplizierten Gesundheitssystemen, die ein breites Spektrum für Screening-Verfahren, Präventionsmaßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten bieten. Die Bevölkerungsgruppen, mit denen wir arbeiten, haben ganz unterschiedliche ökonomische, soziale und ethnische Hintergründe. Das Bewusstsein darüber, dass geburtshilfliche Ergebnisse und Erfahrungen durch sozioökonomischen Status, ethnische Herkunft, Lebensumstände, Trauma und Missbrauch, aber auch durch die geographische Lage bestimmt werden, ist essentiell, um Hebammenarbeit praktizieren zu können. Um den Übergang zu einer liebevollen und kompetenten Elternschaft bestmöglich unterstützen zu können, obwohl die Welt immer komplizierter wird und gesundheitliche und soziale Bedürfnisse zunehmend komplexer werden, bedarf es Wissen, Kompetenz und ein gewisses Maß an Feinfühligkeit. Die Fähigkeit zu einer interdisziplinären Arbeitsweise und ein hohes Qualifikationsniveau bei unterschiedlicher Kompetenzen, wie z. B. klinischer Beurteilung, praktischer Fertigkeiten und intellektueller Fähigkeiten, werden am besten über eine  Hebammenausbildung auf Hochschulniveau gefördert.

Es ist Zeit für Veränderung

Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf globaler Ebene sind überzeugend und es ist an der Zeit, im Gesundheitssystem im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit Veränderungen einzuleiten (Ceschia A, Horton R, 2016). Die Zeit ist reif für Veränderung, wenn wir allen Menschen einen Zugang zu gesundheitlichen Leistungen ermöglichen wollen, wenn wir sicherstellen möchten, dass Frauen und Kinder nicht einfach nur überleben, sondern auch gedeihen, wenn wir ermöglichen wollen, dass niemand zurückbleibt und dass das Nachhaltigkeitsprinzip ein Grundbestandteil in Gesundheitssystemen ist. Es bedarf einer Veränderung, wenn nach Möglichkeiten gesucht werden muss, um stetig zunehmende Interventionsraten zu reduzieren, während es Frauen und Familien gibt, die nicht einmal die Mindeststandards einer gesundheitlichen Versorgung erhalten, die sie eigentlich benötigen. Dieser Sachverhalt wird mit „Zu wenig, zu spät“ oder als inadäquate Versorgung und als „Zu viel, zu früh“ in Verbindung mit hohen Interventionsraten und einer Medikalisierung natürlicher Prozesse bezeichnet – beides besteht oft nebeneinander (Miller S et al 2016). Hebammen und ihre Tätigkeitsbereiche sind im Rahmen dieser Veränderung ein essentieller Bestandteil.  Es ist wichtig, dass hierzu eine breit gefächerte Herangehensweise gewählt wird. Dazu gehört die Aufklärung werdender Eltern, die Informationsweitergabe und Gesundheitsförderung, eine allgemeine Beurteilung des Gesundheitszustandes, die Nutzung von Screening-Verfahren und die Planung des individuellen Behandlungsverlaufes, die Förderung natürlicher Prozesse und die Prävention von Komplikationen. Der Fokus liegt somit nicht nur auf der Pathologie und der damit verbundenen medizinischen Behandlung, sondern beinhaltet ein breitgefächertes Konzept (Renfrew M et al 2014). Hebammen begleiten und unterstützen diesen Prozess. Hierfür brauchen sie eine Ausbildung, die auf den Werten von Gerechtigkeit, einer respektvollen Arbeitsweise und der Wahrung von Menschenrechten basiert. Die Fähigkeit zum richtigen Zeitpunkt die passenden Fragen zu stellen muss professionell erworben werden, der Wissenserwerb und die Suche nach richtigen Antworten muss von Anfang an erlernt werden. Die effektive Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen sowie die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen sind hierfür eine Grundvoraussetzung. Die Veränderung, die wir im Rahmen der geburtshilflichen Versorgung brauchen, und die damit verbundene Weiterentwicklung von Hebammenmodellen ist so komplex und facettenreich, dass sie einer großen und allumfassenden Vision bedarf.

Es werden beachtliche Fortschritte erzielt werden können, nicht nur für Frauen und ihre Babys und Familien, aber auch für die Regierung, das Gesundheitssystem und die Universitäten, wenn es darum geht, den Hebammenberuf weiterzuentwickeln und an den Hochschulen anzusiedeln. Einige der größten Errungenschaften im Bereich der geburtshilflichen und reproduktiven Gesundheitsversorgung und der Gesundheitswissenschaften in den letzten Jahrzenten ist das Resultat der Akademisierung von Hebammen. Dies beinhaltet den Übergang der Hebammenausbildung an die Hochschule und die Weiterentwicklung von Master-, PhD- und Postdoktorandenprogrammen in vielen Teilen der Welt, die in Kombination mit wichtigen Forschungsprogrammen einhergehen. Zu den Vorteilen dieses Entwicklungsprozesses gehören die Ausarbeitung und Evaluation außerklinischer Leistungserbringung, die primäre Gesundheitsversorgung, die Weiterentwicklung und Evaluation einer 1:1-Betreuung im Rahmen des kompletten Betreuungsbogens und ein enormer Wissenszuwachs. Diese Art der Weiterentwicklung des Hebammenberufes hat schon einige Leben gerettet, eine bessere Qualität geschaffen und eine Kostenreduktion im Gesundheitsbereich herbeigeführt. Hebammen haben einen signifikanten Beitrag an Wissen zu den gegenwärtigen Erkenntnisgrundlagen geleistet. Die erste Zusammenfassung von Forschungsergebnissen, das MIDRIS-Journal, wurde von Hebammen entwickelt. Es bildet einen wesentlichen Bestandteil der internationalen Vorgehensweisen für eine effektive Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung und setzt den Fokus auf eine evidenzbasierte Begleitung. Hierdurch wurde die Aufnahme in die Cochrane-Bibliothek unterstützt und ein positiver Effekt auf die Entwicklung zeitgemäßer nationaler und internationaler Richtlinien erzielt.

Es ist wichtig, dass sich die Perspektive von Hebammen von der der Medizin unterscheidet. Beide Bereiche müssen trotzdem miteinander arbeiten und sich ergänzen – in einem Miteinander. Auch im Bereich der Forschung stellen Hebammen andere Fragen (Powell-Kennedy H 2016) : Es geht um Fragen, die einen Gesamtüberblick verschaffen, was Frauen und ihre Familien um den Geburtszeitraum herum benötigen und die zugleich auf der Suche nach Lösungen sind, so dass diese Bedarfe erfüllt werden können.

Die Entwicklung von hochkarätigem und nachhaltig arbeitendem Fachpersonal

Viele, die sich in der heutigen Zeit für den Hebammenberuf im Rahmen ihrer beruflichen Entwicklung entscheiden, haben entweder bereits ein Bachelorabschluss erworben oder eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Der direkte Zugang zur Hebammenausbildung - ohne vorherige Grundausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege - zieht diejenigen an, die sich von Anfang an für eine Verbesserung der Mutter-Kind-Gesundheit einsetzen. Zudem macht die Überführung der Hebammenausbildung an die Hochschule den Beruf für hochmotivierte und aufstrebende Menschen interessant. Es ist mittlerweile bekannt, dass sich in den Ländern, die den Hebammenberuf bereits gestärkt haben - sei es durch ein Anheben des Bildungsniveaus oder durch die Einführung effektiver Hebammenmodelle - die geburtshilflichen Ergebnisse verbessert haben. Hierzu gehören Neuseeland, Kanada, Schweden, Großbritannien und Australien. Erst kürzlich wurde über die umfangreichen Verbesserungen aus Island berichtet, die nach dem Übergang der Hebammenausbildung von der Schule an die Hochschule zu verzeichnen war. Die Hebammenwissenschaft aus Island nimmt mittlerweile weltweit eine führende Stellung ein (Olafsdottir O et al 2018).  Deutschland hat die idealen Voraussetzungen und die Gelegenheit, der Mehrheit der anderen europäischen Ländern zu folgen, die die Hebammenzulassungsvoraussetzung bereits angehoben haben und in denen Hebammen bereits mit einem Hochschulabschluss arbeiten (Praxmarer et al 2017). Wenn diesem Weg gefolgt wird, dann sind Hebammen in Deutschland bestmöglich vorbereitet, so dass jedem Baby, jeder werdender Mutter und der dazugehörigen Familie ein möglichst gesunder und erfüllter Start ins Leben ermöglicht werden kann. Eine hochwertige Versorgungsqualität im Bereich der Schwangeren- und geburtshilflichen Betreuung bildet das Fundament unseres Lebens und der Gesellschaft. Sicherlich ist dieser Aspekt von zentraler Bedeutung, insbesondere für die zukünftige Gesundheit und den Wohlstand in Deutschland.

Literatur:

Ceschia A, Horton R (2016) Maternal health: time for a radical reappraisal. The Lancet , Volume 388 , Issue 10056 , 2064 – 2066
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31534-3/fulltext
(accessed 11/5/18)

Jakab S (2015) European Strategic directions for strengthening nursing and midwifery towards Health 2020 Goals. WHO, Europe.
http://www.euro.who.int/en/health-topics/Health-systems/nursing-and-midwifery/publications/2015/european-strategic-directions-for-strengthening-nursing-and-midwifery-towards-health-2020-goals  
(accessed 11/5/2018)

http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0011/303320/WHO_Health_2020_ger_for_web.pdf?ua=1 
(accessed 11/5/2018)

Kennedy, Holly Powell et al(2016) Asking different questions: research priorities to improve the quality of care for every woman, every child. The Lancet Global Health , Volume 4 , Issue 11 , e777 - e779
https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(16)30183-8/fulltext

Olafsdottir, Olof A. et al (2018). Midwifery in Iceland: From vocational training to university education. Midwifery , Volume 62 , 104 – 106
www.midwiferyjournal.com/article/S0266-6138(18)30094-9/pdf
(accessed 11/5/2018)

Miller S  et al (2016) Beyond too little, too late and too much too soon: a pathway towards evidence -based, respectful care worldwide. The Lancet , Volume 388 , Issue 10056 , 2176 – 2192
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31472-6/fulltext
(accessed 11/5/2018)

Praxmarer-Fernandes S, Maier CB, , Oikarainen A, Buchan J (2017) Levels of education offered in nursing and midwifery education in the WHO European region: multicountry baseline assessment. Public Health Panorama, Volume 3, Issue 3, 357-536.
https://www.researchgate.net/publication/319955120_Levels_of_education_offered_in_nursing_and_midwifery_education_in_the_WHO_European_region_multicountry_baseline_assessment [accessed May 11 2018].

Renfrew, MJ et al (2014). Midwifery and quality care: findings from a new evidence-informed framework for maternal and newborn care. The Lancet , Volume 384 , Issue 9948, 1129 – 1145
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)60789-3/fulltext
(accessed 11/5/2018)


Zuletzt geändert am 20.11.2017