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Geburtshilfe verbessern und Geburtsschäden vermeiden

13.07.2018

Hebammenverband thematisiert Problematik in Geburtshilfe seit Jahren und mahnt weitere Verbesserungen an

Bessere Geburtshilfe durch Notfalltrainings (Foto: DHV)

Bessere Geburtshilfe durch Notfalltrainings (Foto: DHV)

Aktuell wurde ein Gutachten zu Ursachen von Geburtsschäden im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt und veröffentlicht. Ein interdisziplinäres Team hat dazu Geburtsschäden der Vergangenheit untersucht und Lösungsansätze abgeleitet. Mit einer Analyse der Ursachen für Geburtsschäden sollten Erkenntnisse für eine sichere Geburtshilfe abgeleitet werden, um die Situation in der Geburtshilfe positiv zu beeinflussen und künftig Geburtsschäden zu verringern. Die Geburten, die von freiberuflichen Hebammen betreut wurden, konnten dabei nicht isoliert betrachtet werden. Zwar trägt das Gutachten den Titel „Ursachen von Geburtsschäden bei von freiberuflich tätigen Hebammen betreuten Geburten“, allerdings wurde die Zielgruppe erweitert. Konkret heißt es in der Stellungnahme hierzu: „Da  das  Ziel  des Gutachtens  ist,  Erkenntnisse  zur  zukünftigen  Fehlervermeidung  in  der  Geburtshilfe  zu  gewinnen, wurde in Abstimmung mit dem Auftraggeber die Zielgruppe ausgeweitet; auf angestellte Hebammen und  Ärzte  und  Ärztinnen  in  der  Geburtshilfe.“

Das Gutachten zeigt auf, dass neben den individuellen Risikofaktoren der Mutter vor allem unzureichende Kommunikation und Kooperation im Team, mangelnde Erfahrung und Wissen sowie eine nicht ausreichende Personalbesetzung die häufigsten Risikofaktoren für Geburtsschäden sind.

„Die Geburtshilfe in Deutschland muss sich tiefgreifend verändern. Starre Hierarchien, knappes Personal und eine steigende Arbeitsverdichtung erschweren eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit. Diese ist insbesondere in Notfallsituationen unverzichtbar. Das muss sich ändern, wenn wir beste geburtshilfliche Ergebnisse für Frauen und deren Kinder sicherstellen wollen“, so Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands e. V.

„Die Ergebnisse des Gutachtens überraschen uns nicht. Sie untermauern die Forderung des Hebammenverbandes, endlich mehr Personal in den Kreißsäle zu bringen. Der Hebammenverband hat bereits Maßnahmen für Qualitätssicherung und Fortbildungen entwickelt. Diese müssen ausgebaut und gefördert werden“, meint Ursula Jahn-Zöhrens, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbandes.

Akademisierung der Hebammenausbildung und interprofessionelle Zusammenarbeit sind unerlässlich

In der Geburtshilfe treffen verschiedene Akteurinnen und Akteure aufeinander, die das gemeinsame Ziel haben Mütter und Kinder optimal zu begleiten. Hebammen haben bei Geburten die Physiologie und die Unterstützung eines natürlichen Vorgangs im Blick, während die Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten darin besteht Erkrankungen, also pathologische Zustände zu heilen.

Im deutschen Gesundheitssystem gibt es jedoch immer noch ein hierarchisch geprägtes Verhältnis zwischen den Berufsgruppen. Nach Auffassung des Deutschen Hebammenverbands e. V. (DHV) ist die Voraussetzung für eine Verbesserung ein Abbau von Hierarchien zwischen den unterschiedlichen Akteuren der Geburtshilfe. Dies muss bereits während der Ausbildung mitgedacht werden. Eine volle Akademisierung der Hebammenausbildung und eine gemeinsame interprofessionelle Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie von Hebammen in der Geburtshilfe sind aus Sicht des DHV unerlässlich. Mehr gemeinsames wissenschaftliches Arbeiten sowie ein besserer Theorie-Praxis-Transfer dieser Erkenntnisse sind nötig. Als eine Fehlerquelle identifiziert das Gutachten die Fehlinterpretation des CTG. Interpretationsfehler und Ableitungsfehler der Geräte können ursächlich sein für einerseits unnötige Interventionen und andererseits einer vermeintlichen Sicherheit. 

Erfahrung und Wissen erhöhen 

Als weitere Fehlerquelle benennt das Gutachten mangelnde Erfahrung und Wissen. Bestehen Qualifikationsmängel, müssen aus Sicht des DHV Qualitätsmanagement und Fortbildungen greifen. In diesem Bereich ist bereits viel geschehen. Qualitätsmanagement und Fortbildungen sind für alle in der Geburtshilfe Tätigen verpflichtend. Der Deutsche Hebammenverband hat darüber hinaus lokale Qualitätszirkel unter Leitung von geschulten Moderatorinnen initiiert. Der „Expertinnenstandard Förderung der Physiologischen Geburt“ wurde monodisziplinär erarbeitet  und durch die Deutsche Gesellschaft für Qualität in der Pflege und die Hochschule Osnabrück umgesetzt. 

Mehr Personal und mehr Sicherheitsmaßnahmen sind notwendig 

Das Gutachten weist aus, dass nur die Hälfte der Befragten angab, dass Sicherheitsmaßnahmen wie Simulationstrainings oder Schulungen durchgeführt oder Checklisten im beruflichen Umfeld geführt werden. Hier scheint ein großes Problem vor allem in der Organisation und Kommunikation innerhalb der Kliniken zu liegen. Der Deutsche Hebammenverband setzt sich für regelmäßige Teamsitzungen, Supervisionen und interprofessionelle Fortbildungen geburtshilflicher Teams ein. Diese Maßnahmen scheitern oft an der Überlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Gutachten weist zudem Personalmangel als einen der hauptsächlichen Risikofaktoren für Geburtsschäden aus. Die Erfüllung von Qualitätsanforderungen ist wichtig, muss aber geänderten Arbeitsbedingungen immer wieder angepasst werden. Wenn ein Team dauerhaft unter Zeitdruck arbeitet, bleiben Qualitätsanforderungen häufig unerfüllt. Gefahrenanzeigen müssen geschrieben werden, Fallbesprechungen, Übungen am Modell und Schulungen geplant und durchgeführt werden. Fehlt das Personal, fehlt auch die Zeit für diese Maßnahmen. Der DHV hat bereits Ende 2015 in einer Befragung  nachgewiesen, dass mittlerweile ein Großteil der Hebammen drei und mehr Frauen parallel während der Geburt betreuen muss und die Personalknappheit in Kreißsälen steigt. Personalvorgaben, die eine qualitativ angemessene Betreuung der Gebärenden sicherstellen, müssen eingeführt werden. Eine Eins-zu-eins-Betreuung von einer Hebamme für eine Frau unter der Geburt sollte Standard sein. 

Hebammen als second victim 

Im Gutachten wird kritisiert, dass eingetretene Geburtsschäden zu wenig aufgearbeitet werden und zu wenig Hilfe für das beteiligte Personal besteht. Dieses wird damit zum „second victim“, zum zweiten Opfer. Jede Hebamme, die in einen Schadensfall verwickelt ist, wird traumatisiert. Nicht wenige geben in der Folge ihren Beruf auf. Eine Aufarbeitung der Abläufe, die zu dem Schadensfall geführt haben, muss ohne Vorverurteilung erfolgen können. Das ist derzeit noch zu wenig möglich, da die personellen und finanziellen Ressourcen fehlen. 

Neue Fehlerkultur in der Geburtshilfe 

Der Deutsche Hebammenverband fordert eine Erfassung von Zwischenfällen und Geburtsschäden bei allen Geburten. Zwischenfälle, die zu unerwünschten Ereignissen führen könnten, sollten ebenso Beachtung finden, wie die tatsächlichen Schäden. Lernen aus Fehlern sollte Standard sein. Nötig ist eine andere Kultur für den Umgang mit Fehlern. „CIRS“, das „Critical Incident Reporting System“ sollte ausgebaut werden. Dieses Meldesystem für kritische Ereignisse und Beinahe-Fehler wird dort eingesetzt, wo Zusammenhänge hochkomplex sind und Unfälle schwerwiegende Folgen für Menschen haben. Auch in der Geburtshilfe könnte es zur Verbesserung beitragen. Aus Angst vor Sanktionen wird es von den Beteiligten zu wenig genutzt. . Dieses System wurde bereits 2011 von Hebammen zu einem „Critical Incident Reporting und Learning System“ weiterentwickelt. Dabei steht das Lernen im Vordergrund, da es den Berichtenden und den Leserinnen und Lesern der Berichte ermöglicht, eigene Lösungen anzubieten und aus den Fehlern anderer zu lernen. Diese Reflexion der Ergebnisse kann und soll zu einer erweiterten Lern- und Fehlerkultur führen. 

Forderungen für eine gute Geburtshilfe 

Der DHV unterstützt die im Gutachten formulierten Forderungen u. a. für eine bessere Kommunikation, interprofessionelle und interdisziplinäre Teamarbeit, Einhalten von Standards und Fehleranalyse uneingeschränkt. Zusätzlich fordert der Verband eine bessere Förderung der Forschung über Geburtshilfe durch Hebammen. Nötig sind auch mehr gemeinsame S3-Leitlinien, entwickelt von der DGGG und der DGHWi.

Die volle Akademisierung der Hebammenausbildung ab 2020 sollte schnellstmöglich gesetzlich verankert und umgesetzt werden. Eine bessere Versorgung, die Förderung physiologischer Abläufe und die Prävention von Komplikationen in der Geburtshilfe ist nur mit der bestmöglichen Qualifikation von Hebammen und Ärztinnen und Ärzten möglich.

Fakten: Von freiberuflichen Hebammen betreute Geburten 2016

Freiberufliche Hebammen begleiten in Deutschland rund 21 Prozent aller Geburten – hauptsächlich als Beleghebammen in Kliniken. Rund 1,3 Prozent der Geburten erfolgt außerklinisch, im Geburtshaus oder zu Hause. 2016 wurden die über 12.000 außerklinisch geplanten und begonnenen Geburten bei QUAG erfasst und ausgewertet. 40 Prozent davon waren Hausgeburten. Während der Geburt wurden 16,3 Prozent der Gebärenden in die Klinik verlegt. Insgesamt 95 Prozent der Geburten erfolgten vaginal. Das Outcome der Kinder war bei 92,5 Prozent sehr gut oder gut. 5,1 Prozent musste verlegt werden.


Zuletzt geändert am 18.10.2018