Deutsch English

Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Was haben wir 2018 für Hebammen erreicht?

20.12.2018

Der Jahresrückblick von Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands.

Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands (Foto: Deutscher Hebammenverband, Fotograf: Hans-Christian Plambeck)

Ein Jahr Werben und Kämpfen für die Akademisierung
Im Jahr 2018 standen die Berufsrechtsreform und die Akademisierung der Hebammenausbildung im Mittelpunkt unserer politischen Arbeit. Wir haben viel erreicht: Am 17. Oktober bekannte sich auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu der vollständigen Akademisierung der Hebammenausbildung. Es soll ein duales Studium werden, bei dem neben der theoretischen Ausbildung an Fachhochschulen oder Universitäten ein hoher Praxisanteil sichergestellt wird. Für die Umsetzung der zugrunde liegenden EU-Richtlinie bleibt Deutschland jetzt noch das Jahr 2019. Ein ambitionierter Zeitplan, bei dem wir mit unserer Expertise nach Kräften unterstützen werden. Unser Konzept zur Akademisierung  ist dabei eine große Hilfe: Es liefert konkrete Antworten auf viele Fragen. So haben wir Vorschläge für die jetzigen Lehrenden, damit deren Expertise bei den zukünftigen primären Studiengängen erhalten bleibt. Ebenso werden alle Hebammen Besitzstandswahrung genießen. Zusätzlich wird es auf Wunsch Weiterqualifikationsmöglichkeiten geben.

Im öffentlichen Fokus: die klinische Geburtshilfe
Nach jahrelanger Öffentlichkeitsarbeit und – leider – auch durch eine Zuspitzung der Versorgungssituation in der klinischen Geburtshilfe haben im Jahr 2018 Medien und Politik verstärkt ein großes Interesse an der Arbeitssituation der Hebammen gezeigt. Die vom DHV in Auftrag gegebene Erhebung über die Arbeitssituation von angestellten Hebammen in Kliniken aus dem Jahr 2015 liefert uns seitdem gute Argumente. Diese werden zunehmend von Dritten aufgegriffen: in der medialen Berichterstattung sowie in persönlichen Gesprächen und öffentlichen Diskussionen über unseren Beruf.
Unsere Argumente werden gehört, unsere Positionen von vielen geteilt: Um die Arbeitssituation der Hebammen und die Versorgungssituation der Frauen nachhaltig zu verbessern, ist nicht nur eine bessere Vergütung der Arbeit der Hebammen notwendig. Es müssen darüber hinaus die Rahmenbedingungen verbessert werden. Nur dann können Hebammen die Geburtshilfe erbringen, für die sie sich bei der Berufswahl entschieden haben – und die in ihren Kompetenzbereich fällt: eine individuelle und empathische Betreuung, die es ermöglicht, bei den Frauen physiologische Prozesse zu fördern und Komplikationen in Schwangerschaft und Geburt zu vermeiden.
Die Arbeitssituation von angestellten Hebammen in deutschen Kliniken stellt sich noch dramatischer dar, wenn wir sie in den internationalen Vergleich stellen. In vielen europäischen Ländern betreut eine Vollzeit in der Geburtshilfe tätige Hebamme zwischen 30 und 40 Geburten im Jahr. In Deutschland sind es zwischen 120 und 180! Dass dadurch nicht nur schlechtere Arbeitsbedingungen, sondern auch eine nicht den individuellen Bedürfnissen der Frau angepasste Betreuung unter der Geburt resultiert, liegt auf der Hand. Als DHV haben wir deswegen ein aktuelles Positionspapier mit Forderungen und Vorschlägen zur flächendeckenden Verbesserung der Geburtshilfe herausgegeben. Aktuell arbeiten wir an den Forderungen für ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz für nachhaltige Verbesserungen in der Geburtshilfe. Das Bundesgesundheitsministerium wird in Kürze eine Erhebung zur Situation in der Geburtshilfe in Kliniken in Auftrag geben. Neben einer Bestandsaufnahme fordern wir hier auch einen Erkenntnisgewinn, der auf konkrete Maßnahmen für Verbesserungen zielt und möchten dazu unsere Expertise einbringen.   

Freiberufliche Hebammen stärken

Die schwierige Situation in der Geburtshilfe in Deutschland betrifft neben den Hebammen in Kliniken auch unsere  freiberuflichen Kolleginnen und den gesamten Betreuungsbogen. Als DHV haben wir in den vergangenen Jahren einiges erreicht, um die wirtschaftlichen Risiken der Freiberuflichkeit abzumildern – und auch dieses Jahr wurden viele kleine und größere Verbesserungen erhandelt. So freue ich mich besonders über ganz aktuelle Verhandlungserfolge wie die Anhebung der Betriebskostenpauschale für eine vollendete Geburt in einer von Hebammen geleiteten Einrichtung von 707 Euro auf 804 Euro. Dies ist ein großer Erfolg. Dennoch müssen wir feststellen, dass das Grundproblem politisch immer noch nicht genügend berücksichtigt wird.
Aktuelle Erhebungen zeigen, dass es durchaus Regionen gibt, in denen die Hebammenversorgung sichergestellt werden könnte. Und zwar wäre dies dann der Fall, wenn alle ausgebildeten Hebammen als Hebamme arbeiten würden. Zugleich gibt es viele andere Regionen, in denen es objektiv zu wenige Hebammen pro Einwohnerinnen gibt. Wir brauchen also sowohl Maßnahmen, die die aktuellen Arbeitsbedingungen für Hebammen so attraktiv machen, dass sie den Weg zurück in die Geburtshilfe finden. Und wir brauchen auch zusätzlich Studienplätze für Hebammen – und zwar so schnell wie möglich. Besonders wenn man bedenkt, dass viele unserer Kolleginnen innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre das Rentenalter erreichen werden. Auch künftig muss der gesamte Versorgungsbogen über Vorsorge bis zum Wochenbett für alle Frauen und ihre Kinder angeboten werden können!

Nach vorne denken: die AG Versorgungsmodelle
Wenn wir wollen, dass sich die Arbeitssituation für Hebammen nachhaltig ändert, müssen wir eigene Lösungsvorschläge für Praxis und Politik entwickeln. Hierfür haben wir im Jahr 2018 die Expertinnengruppe „Versorgungsmodelle“ gegründet. Zu ihren Mitgliedern zählen Hebammenwissenschaftlerinnen und aktiv als Hebamme arbeitende Kolleginnen. Die Expertinnengruppe betrachtet die klinische und außerklinische Hebammenhilfe gleichermaßen. Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitszeitmodelle, die Hebamme als Arbeitgeberin und Hebammenzentren. Die Mitglieder der Gruppe sollen Arbeitsmodelle für Hebammen sowohl im klinischen als auch im außerklinischen Bereich entwickeln, damit unsere Kolleginnen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens und in unterschiedlichen Kontexten gut als Hebamme arbeiten können und dies auch gerne tun.

Mit Kraft und Mut ins neue Jahr!
2019 steht Großes bevor: So wird das nächste Jahr entscheidend für die gelungene Umsetzung der Akademisierung der Hebammenausbildung und die Berufsgesetzreform sein. Ein großes Augenmerk wird ebenfalls auf die Arbeitsbedingungen aller Hebammen gerichtet sein und damit verbunden auf die Versorgungssituation der Frauen.
Unser Projekt wird außerdem sein, die zukünftige Entwicklung unseres Berufsstands zu diskutieren und weiter zu denken. Beim Deutschen Hebammenkongress in Bremen Ende Mai starten wir ein innovatives Diskussionsforum zur Zukunft der Geburtshilfe, zu dem ich Sie alle herzlich einlade!

Mit besten Grüßen und Wünschen für das neue Jahr

Ihre Ulrike Geppert-Orthofer
Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands


Zuletzt geändert am 05.11.2018