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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums bleibt hinter Erwartungen zurück

08.01.2019

Aktuell hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) ein Eckpunktepapier veröffentlicht mit „Sofortmaßnahmen zur Stärkung der Geburtshilfe“. Der Deutsche Hebammenverband e.V. (DHV) ist enttäuscht von den wenigen hier vorgeschlagenen Maßnahmen, die teilweise bereits vorhanden sind und keine Entlastung bieten.

Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands (Foto: Deutscher Hebammenverband, Fotograf: Hans-Christian Plambeck)

Es sind zudem keine zusätzlichen finanziellen Mittel "zur Stärkung der Geburtshilfe" vorgesehen. „Wir erwarten uns mehr für die Hebammen und für die Frauen, die Kinder bekommen. Die Lage in der Geburtshilfe ist teils dramatisch. Frauen stehen vor geschlossenen Kreißsaaltüren. Das darf nicht sein. Wir brauchen konkrete Hilfemaßnahmen und zwar jetzt“, so Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Hebammenverbandes. Leider werden die vom DHV entwickelten Vorschläge für bessere Arbeitsbedingungen und eine gute Versorgung für jede Mutter und jedes Kind in der Geburtshilfe bisher nicht aufgegriffen, beispielsweise die Verbesserung der Finanzierung und eine Anpassung von Personalschlüsseln an internationale Standards.

Die schwierige Lage in Deutschlands Kreißsälen muss dringend angepackt werden. Dies ist auch im Koalitionsvertrag vorgegeben. Deshalb fordert der DHV ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz. Eine Hebamme in Deutschland betreut mehr als doppelt so viele Geburten wie eine Hebamme in Großbritannien. Eine Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme für eine Frau und Familie sollte auch in deutschen Kliniken Standard werden.

Im Einzelnen:

Das im Eckpunktepapier des BMG genannte „Gutachten zur stationären Hebammenversorgung“ darf keine Verzögerung für konkrete Maßnahmen in den Kliniken bedeuten, denn rasche Abhilfe ist nötig. Wir haben zudem bereits umfangreiche Daten dazu erhoben. Das Ergebnis einer neuen Datenerhebung sollte deshalb keine reine Bestandsaufnahme sein, sondern Erkenntnisse über die Umsetzbarkeit von konkreten Hilfemaßnahmen für die klinische Geburtshilfe liefern.

Die ebenfalls erwähnte Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
soll laut BMG für Hebammen in den Kliniken verbessert und diese in die Maßnahmen des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes zur Vereinbarkeit einbezogen werden. Das Gesundheitsministerium erhofft sich damit Anreize für eine Vollzeitbeschäftigung. Aktuell arbeiten weit mehr als 70% der Hebammen in Teilzeit. Der Hebammenverband sieht in diesem Vorschlag keine konkrete Lösung der Problematik des hohen Teilzeitanteils und des kurzen Verbleibs von Hebammen im Beruf. In bisherigen Umfragen und Erhebungen des DHV wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur nachrangig als Problematik angesprochen von den befragten Hebammen. Erst durch nachhaltig bessere Arbeitsbedingungen werden Hebammen wieder mehr arbeiten können und wollen und auch länger im Beruf bleiben.

Dies betrifft auch die im Eckpunktepapier genannten Maßnahmen für die Förderung der Rückkehr von Hebammen in ihren Beruf. Dazu reichen aber unklare Hilfen für den Wiedereinstieg und Öffentlichkeitsarbeit nicht aus, sondern nachhaltig gute Arbeitsbedingungen müssen geschaffen werden.

Der Hebammenverband warnt vor dem Trugschluss, dass eine Veröffentlichung von „einwilligungsunabhängigen Daten“ von Hebammen den Hebammenmangel abmildern würde. Das BMG schlägt diese Maßnahme vor, damit Eltern leichter eine Hebamme insbesondere für die Wochenbettbetreuung, aber auch für Vorsorge und freiberuflich geleitete Geburtshilfe finden können. Der Hebammenverband betont, dass Hebammen bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen auffindbar sind. Eltern finden häufig deswegen nur schwer Hebammenhilfe, weil nicht ausreichend Hebammen Leistungen für den aktuell stark angestiegenen Bedarf anbieten können. Eine weitere Veröffentlichung der Daten der Gesetzlichen Krankenkasse aus der sog. „Vertragspartnerliste“ wird den Hebammenmangel nicht beheben. Zudem darf eine Veröffentlichung von Privatadressen – denn die meisten Hebammen haben keine Praxis wie beispielsweise Ärztinnen und Ärzte – nicht ohne Einwilligung erfolgen.

Die von uns begrüßte vollständige Akademisierung der Hebammenausbildung wurde vom BMG bereits 2018 bestätigt, und ist sicherlich keine Sofortmaßnahme. Bereits Mitte Januar 2020 muss die Reform aufgrund von EU-Vorgaben auch in Deutschland als letztem Land der EU umgesetzt sein. Der Hebammenverband drängt auf rasche Klarheit bei den vielen noch offenen Fragen der Ausgestaltung und des Übergangs. Ein Jahr vor der Reform ist derzeit noch nicht einmal die gesetzliche Grundlage geklärt.


Zuletzt geändert am 07.08.2019