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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

Fridas Kolumne: Ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz muss her!

26.03.2019

Regelmäßig berichtet Frida in ihrer Kolumne über Herausforderungen bei der Arbeit im Kreißsaal. Diesmal erklärt sie, weshalb ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz dringend notwendig ist.

Liebe Leserinnen und Leser, am letzten Wochenende hatte ich Besuch von meiner Kollegin Barbara. Wie in der Vergangenheit haben wir uns auch darüber unterhalten, wie wir unseren eigenen Ansprüchen in unserem Beruf besser gerecht werden können. Denn Hebammen sind wir geworden, weil wir für die Frauen da sein wollten, und zwar so gut es geht. Für uns gehört zur bestmöglichen Versorgung beispielsweise auch eine Eins-zu-eins-Betreuung. Bei Barbara und auch bei vielen anderen ist das allerdings ein Glücksfall, wenn sie stattfindet. Denn der Arbeitsalltag in Kliniken lässt dies oft nicht zu.

Wir sind in Deutschland vielerorts weit davon entfernt, jeder Frau die Hebammenbetreuung zukommen zu lassen, die sie wünscht und benötigt. Fast die Hälfte der Frauen in deutschen Kliniken hat während der Geburt keine Einzelbetreuung. In der Klinik meiner Freundin Barbara herrscht so starker Personalmangel, dass bei einer vollbesetzten Station eine Hebamme bis zu fünf Gebärende betreuen muss.

Ich kann gar nicht fassen, dass dieser Zustand bei uns in Deutschland sehenden Auges hingenommen wird. Es wird zwar viele geredet und analysiert, aber was verbessert sich denn wirklich in unseren Kreißsälen? Dass es auch anders geht, zeigten uns ja die europäischen Nachbarn. Eine Hebamme in England muss beispielsweise nur rund 30 Geburten im Jahr bettreuen. Dreißig! Da war ich so richtig baff, als ich das gehört habe.

Und dann hat mich ehrlichgesagt ein wenig der Ärger gepackt. Warum, frage ich mich, ändert niemand etwas an der so oft untragbaren Situation der Frauen und Familien, und auch der Hebammen? Warum unternimmt niemand etwas daran, den Kreißsaal als Arbeitsplatz wieder so richtig attraktiv werden zu lassen? Ich bin mir sicher, dass dann alle Planstellen besetzt werden könnten und mehr angestellte Hebammen in Vollzeit gehen würden - heute sind es ja nur 20 Prozent.

Damit sich etwas ändert, müssen wir alle gemeinsam klare Forderungen stellen: wir als Gruppe und unser Verband. Nur dann steht in der Geburtshilfe wieder die Frau im Mittelpunkt. Der Deutsche Hebammenverband, bei dem ich Mitglied bin, hat erst vor kurzem ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz gefordert. Fünf Forderungen hat der Verband formuliert und im Februar im Bundesgesundheitsministerium überreicht. Kennen Sie sie schon? Das sind sie:

Ein Hebammen-Sonderstellenprogramm soll eigerichtet werden.

Das Sonderprogramm soll neue Hebammenstellen und auch Stellenaufstockungen in geburtshilflichen Abteilungen komplett refinanzieren. Und zwar so lange, bis jeder gebärenden Frau eine Hebamme während der Geburt zur Seite steht.

Kliniken sollen ihren Betreuungsschlüssel veröffentlichen.

Wie viele Geburten werden eigentlich im Jahr je tatsächlich besetzter Hebammenstelle betreut? Nur wenn Schwangere und ihre Familien dies wissen, können sie Krankenhäuser vergleichen und informiert entscheiden.

Die ambulante geburtshilfliche Notfallversorgung für Schwangere soll verbessert werden.

Außerhalb der Kreißsäle soll die Versorgung durch geburtshilflich-gynäkologische Notdienste oder Hebammen- und/oder Arztportalpraxen sichergestellt werden. Ein verlässliches Versorgungsangebot muss flächendeckend bereitgestellt werden.

Fehler sollen reduziert und die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Geburtshilfe verbessert werden.

Krankenhäuser mit geburtshilflichen Abteilungen sollen dazu verpflichtet werden, regelmäßig gemeinsame Fortbildungen von Hebammen und Ärzten sowie Notfalltrainings durchzuführen. Außerdem sollen sie ein anonymes Fehlermeldesystem, übergreifende Fallbesprechungen und Fehleranalysen einrichten, damit diese und ähnliche Fehler in Zukunft vermieden werden.

Das Potenzial der Hebammen soll ganz und gar für die Frauen und die Geburtshilfe genutzt und die Ausstiegquote aus dem Beruf gesenkt werden.

Die originäre Hebammenarbeit soll für die direkte Betreuung der Frauen und Neugeborenen im Zentrum stehen. Fachfremde Tätigkeiten sollen entfallen. Außerdem sollen Hebammen deutlich stärker in die Leitung und Organisation der geburtshilflichen Abteilungen eingebunden werden. Jede geburtshilfliche Abteilung soll zudem über einen Hebammenkreißsaal, in dem Geburten ausschließlich von Hebammen geleitet werden, verfügen.

Ich liebe meinen Beruf und bin davon überzeugt, dass es sich lohnt für bessere Arbeitsbedingungen von Hebammen und für eine bessere Versorgung von Frauen und ihren Kindern zu kämpfen. Lassen Sie uns das gemeinsam angehen, denn dann sind wir stark!

Ihre Frida

Hier geht es ausführlich weiter:
Geburtshilfe stärken!
Gute Geburtshilfe darf kein Glücksfall sein - sie muss die Regel werden


Zuletzt geändert am 05.11.2018