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Berufspolitik

Der Deutsche Hebammenverband mischt sich ein. Lesen Sie unsere Standpunkte und Stellungnahmen!

15. Deutscher Hebammenkongress: Highlights Tag 2

28.05.2019

Berufspolitische Plenen, zahlreiche Workshops und spannende Sitzungen: Der zweite Tag des 15. Deutschen Hebammenkongresses in Bremen war vollgepackt mit interessanten Themen und Diskussionen. Wir haben einige Highlights zusammengefasst.

Plenum Angestellenbereich: „Hebammen zurück in die Kreißsäle! Aber wie?“ (Foto: © Deutscher Hebammenverband, Fotograf: Hans-Christian Plambeck)

Plenum freiberuflicher Bereich: Wochenbettbetreuung ist unverzichtbar

Das Wochenbett steht mehr denn je im Fokus der originären Hebammenarbeit. Die aufsuchende Betreuung ist eine Besonderheit der Deutschen Hebammenarbeit, deren immense Bedeutung für Frauen und Familien zunehmend auch von der Politik und einer immer größer werdenden Öffentlichkeit anerkannt wird. DHV-Präsidiumsmitglied Ursula Jahn-Zöhrens lud als Chair des Plenums zum Freiberuflichenbereich am zweiten Kongresstag zu einem Blick über den Atlantik ein. Vanessa Tilp von der University of California in San Francisco (USA) berichtete über ihre Erfahrungen bei dem Projekt „Centering-Group Prenatal Care“. Pro Gruppe werde acht bis zwölf Frauen gemeinsam zu den verschiedenen Phasen der Schwangerschaft aufgeklärt und erlernen anderem Strategien zur Stress- und Schmerzreduktion. Das Projekt trägt nachweislich zu einer besseren Mütter- und Kindergesundheit, insbesondere bei benachteiligten Bevölkerungsschichten bei.

Im Anschluss hat Prof. Dr. Susanna Simon, Professorin für Hebammenwissenschaft an der hochschule 21 in Buxtehude zum Thema „Ambulante Wochenbettbetreuung – ein komplexes Handlungsfeld für Hebammen“ referiert. In einer qualitativen Forschungsarbeit wurden Sichtweisen und Erfahrungen von freiberuflich arbeitenden Hebammen zu ihrer Tätigkeit in der aufsuchenden Wochenbettbetreuung erhoben und analysiert. Daniela Erdmann, zweite Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen Nordrhein-Westfalen, widmete sich in ihrem Vortrag mit dem Titel „Wochenbett – Anforderungen – Konzepte- Qualitätskriterien“ der Fragestellung, welche Anforderungen an die Hebamme gestellt werden und wie sich diese aus gesellschaftlicher, politischer, medizinischer und ethischer Sicht voneinander unterscheiden. Zum Abschluss stellte Maria Jacobi von der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (GHWi) ihre Forschungsergebnisse zu „Innovative Versorgungsmodelle in der Hebammenarbeit“ vor.

Plenum Angestellenbereich: „Hebammen zurück in die Kreißsäle! Aber wie?“

Es ist kein Geheimnis, dass sich die klinische Geburtshilfe in einer Krise befindet. Viele angestellte Hebammen sind von der stetigen Überlastung ausgelaugt – und wollen nicht länger als Hebammen in der Klinik arbeiten. Das Plenum Angestelltenbereich „Hebammen zurück in die Kreißsäle! Aber wie?“ beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie sich Hebammen wieder für die Arbeit im Kreißsaal gewinnen lassen.

TeilnehmerInnen waren:
-    Michaela Evans (Direktorin des Forschungsschwerpunktes „Arbeit und Wandel“, Institut Arbeit und Technik (IAT), Ruhr Universität Bochum)
-    Andrea Ramsell, DHV-Beirätin Angestellterbereich
-    Kerstin Bringmann, ver.di Bezirk Bremen-Nordniedersachsen, Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen
-    Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshlife am St. Joseph Krankenhaus Berlin
-    Peer Köpf, Deutsche Krankenhaus Gesellschaft (DKG) Berlin

Michaela Evans hielt einen Impulsvortrag, der sich u. a. mit der Zukunft des Hebammenberufs, relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen, veränderten Ansprüchen und Anforderungen im Berufs- und Ausbildungsalltag sowie häufig diskutierten Lösungsansätzen (Vollakademisierung, Forderung eines Geburtshilfe-Stärkungsgesetz u. a.) beschäftigte. Nicht nur eine Defizitdebatte zu führen, sondern auch neue Rollen in der vernetzten Versorgung positiv zu bestimmen, das war ihre Anregung für die weitere Diskussion.

Sicherlich eine Herausforderung in der aktuellen Situation – mit der Unterversorgung auf der einen, und der Überlastung auf der anderen Seite. Aber auch Andrea Ramsell, DHV-Beirätin für den Angestelltenbereich, machte deutlich, dass gegebene Konzepte überdacht werden müssten. Der Fokus müsse für angestellte Hebammen in Kliniken wieder in den Bereichen der originären Geburtshilfe und Hebammentätigkeiten sowie dem Betreuungsbogen liegen – hier müssten sich Arbeitsbedingungen ändern, damit Hebammen wieder gerne arbeiteten.

Ein Fazit des Plenums war: Für tiefgreifende Veränderungen ist eine enge Zusammenarbeit und ein enger Austausch aller Bereiche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nötig. Denn – wie Andrea Ramsell zusammenfasste: „Wir brauchen eine frauenzentrierte Geburtshilfe, und da gehören wir alle dazu.“

Plenum Bildungsbereich: Hebammen an die Hochschulen – wie geht’s weiter?

Die Akademisierung hat das Potenzial für eine wirklich positive Veränderung für den Hebammenberuf. Yvonne Bovermann aus dem Präsidium des Hebammenverbandes stellte am Dienstag aktuelle Entwicklungen vor. Der aktuelle Gesetzentwurf trifft auf große Zustimmung beim Hebammenverband. Erstmals wird das Berufsbild der Hebamme umfassend beschrieben und ein duales Studium soll bundesweit eingerichtet werden ab 2020. Theorie und Praxis werden dabei gut verzahnt.

Aktuell gibt es laut Yvonne Bovermann so viele Hebammen wie nie zuvor: 24.000. Knapp die Hälfte waren 1950 tätig. Die Studiums- und Ausbildungskapazitäten sind derzeit bereits gesteigert worden von 500 auf rund 900 Absolventinnen pro Jahr. Bei Verbesserung der Arbeitsbedingungen und längerem Verbleib von Hebammen im Beruf gäbe es laut Yvonne Bovermann genügend Nachwuchs. Der Übergang zum Studium könne gut gelingen – aktuell stocken die bestehenden Studiengänge auf und bereits fünf neue Studienmöglichkeiten werden 2020 starten. Bei durchschnittlich 60 Studierenden pro Kohorte müssten für 1.000 Absolventinnen und Absolventen pro Jahr bundesweit 17 neue Studiengänge eingerichtet werden – pro Bundesland einer.

Prof. Dr. Gerhard Igl wies in seinem Vortrag darauf hin, dass Hebammen mit dem neuen Berufsgesetz für eine selbständige und umfassende Hebammentätigkeit ausgebildet werden. Prof. Dr. Thomas Ufer hat für den Hebammenverband geprüft, ob eine formelle Gleichstellung der bisherigen Hebammenabschlüsse möglich sei und bejahte dies, da eine Niveaugleichheit gegeben sei.

Sitzung: Versorgung von Schwangeren im Londoner Stadtteil Newham

Während in Großbritannien eine Hebamme im Schnitt 30 Geburten pro Jahr betreut, liegt die Zahl in Deutschland mindestens dreimal so hoch. Die ehemalige DHV-Beirätin für den Angestelltenbereich Susanne Steppat berichtete über ihre Reise nach London. Im August 2018 hat sie gemeinsam mit Lisa Welcland, DHV-Beauftragte für internationale Hebammenarbeit, und DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer ein Krankenhaus im Stadtteil Newham besucht, um sich ein eigenes Bild der geburtshilflichen Gegebenheiten vor Ort zu machen. Die dortige Eins-zu-eins Betreuung bei 98,5% der Geburten sowie die freie Wahl des Geburtsortes für die Gebärenden gaben den Anstoß, die zehn Forderungen für eine gute Geburtshilfe zu formulieren. Der Besuch in London machte deutlich, dass die Forderungen nicht unrealistisch sind, solange eine Umsetzung gewollt und finanziert wird.


Impressionen vom 15. Deutschen Hebammenkongress in Bremen





Zuletzt geändert am 05.11.2018