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16. Deutscher Hebammenkongress: Einblicke Tag 3

Neben klinischen und außerklinischen Geburtshilfe-Kontexten standen auch wieder berufspolitische und Themen der Digitalisierung auf dem Programm. Unser Rückblick:

Thementisch „Hebammenkreißsaal – wie geht das?“

Es ist eine Herzensangelegenheit, wenn Moderatorin Andrea Ramsell über den Hebammenkreißsaal (HK) spricht. Sie selbst beschäftigt sich seit langem mit dem Konzept der hebammengeleiteten Geburtshilfe – und weiß sehr genau, dass dies strukturell auf teils erhebliche Widerstände stößt. Doch für sie steht fest: Eine gute Entscheidung für die Geburt ihres Kindes kann eine Frau nur dann treffen, wenn sie Wahlmöglichkeiten hat. Hierzu gehört auch der Hebammenkreißsaal, der vor allem physiologische Geburten fördert und damit das Angebot innerhalb einer Klinik in erheblichem Maße erweitert. Die Vorteile eines HK liegen auf der Hand: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist sehr eng, Fortbildungen heben das Team auf ein sehr hohes Niveau, der Spillover-Effekt ist deutlich sowie die höhere Arbeitszufriedenheit der Hebammen spürbar. Untersuchungen bestätigen eindeutig das solide und evidenzbasierte Arbeiten im HK, signifikant weniger Interventionen sowie eine höhere Zufriedenheit der Frauen. Andrea Ramsell verweist abschließend auf die Materialien des DHV zum HK. Zudem bietet der Verband eine Anfangsberatung zur Einführung eines HK für interessierte Teams an.
 
Im Anschluss berichtet Carola Lienig, Bereichsleiterin von drei Kliniken im Raum Bietigheim-Bissingen, von ihren Erfahrungen bei der Einführung eines HK vor zehn Jahren. Im Vordergrund stand für alle der Wunsch, die erlebte Philosophie der Geburtshilfe zu ändern und die originäre Hebammenarbeit in den Vordergrund zu stellen. Sie freut sich, dass dies gelungen ist und zwischen 12 und 15 Prozent der Frauen, die sich in der Klinik vorstellen, das Angebot mittlerweile wahrnehmen. Lienig betont, dass nicht nur Hebammen, sondern alle beteiligten Berufsgruppen bei der Implementierung eines HK mit einbezogen werden müssen. Natürlich habe es Kolleg*innen gegeben, die anfangs zögerlich waren. Doch allen gleichermaßen Vertrauen – auch in die eigenen Fähigkeiten – zu vermitteln und individuell auf die Kolleg*innen einzugehen, ist unverzichtbar. Besonders eng hat sich auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Ärzt*innen, unter anderem durch gemeinsame Fortbildungen, entwickelt und die Philosophie des HKs beeinflusst nun auch die Arbeit im herkömmlichen Kreißsaal.

Das bestätigt auch Martina Piol, Beleghebamme im Städtischen Krankenhaus Kiel. Anfangs hätten einige Kolleg*innen sich zu wenig zugetraut – denn Teams sind nun einmal nicht homogen. Nach einer Vielzahl an Coachings und Fortbildungen waren dann aber alle überzeugt, dass ein Hebammenkreißsaal das geburtshilfliche Angebot einer Klinik erweitert und für alle einen großen Benefit bedeutet. Besonders hervorzuheben ist, dass die Ärzt*innen der Klinik den Frauen eine sehr hohe Kompetenz für eine physiologische Geburt zusprechen. Martina Piol spürt bei den Kolleg*innen auch deutlich eine veränderte Haltung, ein größeres Vertrauen in ihre eigene Kompetenz. Die Arbeitszufriedenheit der Kolleg*innen zeigt sich in ihren Augen außerdem durch die vielen Bewerbungen von Hebammen, die der HK erhält.

Abschließend äußert sich Johannes Jaklin, Fachanwalt für Medizinrecht bei der hevianna Versicherungsdienst GmbH zum Thema der Haftung. Diese wird im Zusammenhang mit einem Hebammenkreißsaal nach den üblichen Grundsätzen beurteilt, die sonst auch gelten. Solange im HK die Geburtsbetreuung eigenverantwortlich durch die Hebammen erfolgt, muss der ärztliche Dienst dafür nicht haften. Dies ist erst dann der Fall, wenn der ärztliche Dienst die Geburtsleitung übernimmt, was unter bestimmten Voraussetzungen bereits in einer Eingangsuntersuchung liegen kann.

Robert Manu, DHV Kommunikation

 

Fachforum Digitalisierung in der Hebammenarbeit hat viele Facetten

Zwei Referentinnen standen bereit, uns in die digitale Hebammenwelt mitzunehmen. Daniela Erdmann machte den Anfang und zeigte auf, wie es dazu kommen konnte – Hebammen und die Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI). Warum müssen oder können nun auch Hebammen an der TI teilhaben? Hier war ganz klar ein „können“ zu hören. Von der elektronischen Gesundheitskarte über den elektronischen Mutterpass und die elektronische Patientenakte fand alles seinen Platz und eine Erklärung. Mit der Einführung in dieses komplexe Thema ist es Daniela Erdmann auf jeden Fall gelungen, Hürden niedriger zu machen und Ängste abzubauen und klar ist: es führt kein Weg zurück. In klaren Worten hat sie Wesentliches dargestellt und Möglichkeiten aufgezeigt. Daumen hoch!

Mirjam Peters von der hsg Bochum stellte das Projekt rund um die Schwangeren-App „uma“ vor. So eine App zu entwickeln ist keine banale Sache, das wurde schnell im Vortrag deutlich. Was alles gecheckt werden muss und welche Steine bis zum fertigen Produkt auf dem Weg liegen, darüber ließ sie keine Zweifel aufkommen. Aber auch, welche klugen Überlegungen und Recherchen am Anfang der Idee und Inhalt der Umsetzung sind, um am Ende ein wirklich sinnvolles Produkt für Schwangere zu erschaffen, das wurde auch deutlich. Nicht nur Informationen an die Schwangere, sondern auch personalisierte Befunde und Tipps sollen Platz und Anwendung finden. Die Gruppe um Mirjam Peters denkt das Konzept konsequent bis zur Anknüpfung an den elektronischen Mutterpass und die gemeinsame Nutzung der mütterlichen Daten von Hebamme und Gynäkologin* weiter. Wenn Forscherinnen*geist, Hebammenwissen und interprofessionelle Verknüpfung zusammenkommen, wird es bestimmt gut werden. Ich drücke die Daumen für „uma“ und den anstehenden Prozess der Anerkennung als Digitale Gesundheitsanwendung.

Fachforum Hebammen – Wir sorgen für uns selbst

Andrea Mora, beim Thema Kinästhetik eine „Bank“- zeigte einmal wieder eindrucksvoll die Möglichkeiten, die wir als Hebammen haben, die Gebärenden selbst in Bewegung zu bringen und ihnen Angebote zu machen, wie sie selbst die Wehenarbeit gestalten können. Auch wenn ich zuerst ein Fragezeichen im Gehirn hatte (wir sorgen für uns selbst)… wurde mir klar, dass diese Art und Weise die Arbeit mit den Frauen zu gestalten, auch ganz klar das Potenzial bietet, unsere eigenen körperlichen Ressourcen zu schonen. Schöne Ideen, und ganz klar eine Anregung, sich als Kreißsaalhebamme oder geburtshilflich tätige Hebamme auch hier im Bereich Kinästhetik einmal weiterzubilden.

Weiter ging es vom Körper zum Gehirn. Das SCARF Modell (nach David Rock) stellten Jennifer Mittelstädt und Julia Titze vor. Welche fünf Faktoren beeinflussen unser Gehirn, unsere Wahrnehmung und damit unsere Gefühle? Welche Metaprogramme helfen uns bei der Kommunikation und wie „funktionieren“ wir? Diese Erkenntnisse können wir nutzen, um unsere Arbeitsumgebung daraufhin zu überprüfen, ob wir unsere Stärken und Talente einbringen können. So etwas geht natürlich nicht nach einem 20-minütigen Vortrag. Die beiden bieten in ihrem Institut Kurse dazu an. Das kann ich mir hilfreich vorstellen. Nach dem Vortrag habe ich einiges von dem verstanden, was in mir in beruflichen Kontexten schon immer zu Verwirrung und Irritation geführt hat. Sie dürfen sich auf einen Artikel dazu im Hebammenforum freuen.

In eine ganz andere Welt hat uns Viresha Bloemeke entführt: nach Body und Mind ging es hier um Soul. Sie hat in einem informativen und mit kleinen Übungen gespickten Vortrag einen winzigen Einblick in „Zapchen Somatics“ gegeben (das spricht man Sep-Tschen). Zapchen kann auch als “wohltuend unbekümmertes Verhalten“ verstanden werden. Kurz gefasst handelt es sich dabei um einen wirkungsvollen Weg, sich trotz allem dem Wohlgefühl zu widmen. Das klingt ja nach einem krassen Widerspruch zu dem, was wir als Hebammen bspw. im Kreißsaal wahrnehmen. Aber- nach der Einführung war mir klar, dass bestimmte Handlungen des Zapchen, wie das hemmungslose, kindliche Gähnen, das Grimassen schneiden in geschützter Umgebung oder das Befriedigen essentieller Bedürfnisse, wie das zur-Toilette-gehen dazu führen, die Verbindung zu uns selbst wieder herzustellen und uns damit für ein empathisches Miteinander mit den Gebärenden zu öffnen. Eine sehr spannende Methode oder sehr entspannter Weg zu einem authentischen und gelassenen Selbst, so habe ich es verstanden. Liebe Viresha, dafür herzlichen Dank!

Susanne Steppat, Chefredakteurin Hebammenforum

Zuletzt geändert am 25.11.2020