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Effekte der modernen Ultraschalldiagnostik in der Schwangerschaft aus Sicht der Frauen

Poster, Montag, 2. Mai, 12.45-14.30 Uhr

Maria Casado-Bernert

Die Arbeit evaluiert die moderne Ultraschallanwendung in der Schwangerschaft und daraus resultierende Effekte. Im Zentrum steht die Frage, welche Effekte die moderne Ultraschalldiagnostik für Nutzerinnen hervorrufen. Dies wird im Rahmen eines empirischen Analyserahmens, mittels qualitativem und quantitativem Fragebogen geklärt, der die heutige Anwendungswirklichkeit der Ultraschalldiagnostik zum Ausdruck und mit dieser die Auswirkungen, Erfahrungen und theoretisch-gedanklichen, wie auch somatischen Wahrnehmungen der schwangeren Frauen erfasst. Das Erkenntnisinteresse liegt in der Abbildung der subjektiven Erfahrungen der Schwangeren. Die Ergebnisse bilden die Anwendungsrealität ab und verdichten die Wahrnehmung der Schwangeren. In diesem Sinne können die Ergebnisse als Grundlage der frauenorientierten Betreuung dienen.

Schwangere (n=49) erhalten sehr frühen Kontakt zum Medium Ultraschall (Median 7,5 SSW) und erhalten im Mittel doppelt so viele Ultraschalluntersuchungen wie durch die Mutterschaftsrichtlinien initiiert. Der frühe Erstkontakt ist Spiegel der gültigen Durchschreitung der Übergangsphase/Statuspassage Schwangerschaft. Die Bedürfnisorientierung der Frauen liegt in der Sicherstellung der Gesundheit des Kindes (69,9%) im Sinne von „ist alles in Ordnung?“ (als stark verallgemeinerter Wissensanspruch und Prognosestellung im Sinne eines „pars pro toto“), der obligaten Verpflichtung gegenüber der gesellschaftlich-medizinisch normierten Übergangsphase (60,9%), sowie der Attraktivität der vorgeburtlichen Visualisierung des Ungeborenen (58,7%) – weit entfernt vom vorgesehenen Anwendungsraum. Die Effekte weisen auf existente Ängste (Angst als primäres, bedrohliches Grundgefühl) und Ambivalenzen im Kontext einer stattfindenden Ultraschalluntersuchung, die sich im zeitlichen Verlauf bei positivem Untersuchungsergebnis wandeln, jedoch durch die Momentaufnahme Wiederholung zur Sicherstellung der Aussage fordert. Die Ultraschalldarstellung gestaltet sich bei 56,5% der Teilnehmerinnen kongruent zum inneren Bild: Die Normalität der Betrachtung der Ultraschallbilder hat sich in die Phantasie eingeschleust und ist verknüpft mit dem eigenen inneren Bild. Die Frau verschwindet aus dem Zentrum der Betreuung. Durch den Blick von außen ins Innere der Frau wird die Schwangerschaft entkörpert. Nur 20,5 % der Teilnehmerinnen schreiben den Ergebnissen hohe Aussagegültigkeit zu. Die hauptsächliche mäßige Bewertungszuschreibung lenkt den Blick auf die Wirklichkeit der modernen Ultraschalldiagnostik: Die gesellschaftliche Erwartungshaltung (47,8%) wie auch die ärztliche (77,3%) lässt keine andere Handlungsstrategie zu, auch selbst dann, wenn Frauen dieser Untersuchung keine Gültigkeit zuschreiben.

Ultraschalluntersuchungen haben sich als obligate, gesellschaftlich normierte und bevorzugte Untersuchungsmethode als Radikalmonopol im Schwangerschaftserleben etabliert. 

Hintergrund

Ultraschall als Routineuntersuchung birgt keinen Gewinn für die Gesundheit des zur Welt kommenden Kindes (Bucher/ Schmidt 1993:13). Auswirkungen des gestiegenen Ultraschalleinsatzes sind wissenschaftlich nicht geklärt. Die Auswirkungen und Effekte auf die Schwangere und Gebärende finden in der medizinischen Betreuung keine Berücksichtigung. 

Fazit

Die Effekte der modernen Ultraschalldiagnostik aus Sicht der Schwangeren sind gegenwärtig und präsent. Eindeutige Forschungsergebnisse stehen aus; der Umgang mit der Technologie wurde nicht assimiliert. Dabei veränderte sich nicht nur die Technologie, sondern auch ihr Anwendungsraum (Frequentierung, Güte, gesellschaftliche Wertezuschreibung). Ultraschall wird als normative, autoritative, obligatorische Intervention angewendet. Durch die Koppelung an die visuelle Begegnung wird der medizinische Nutzen zweckverfremdet und führt zu einer Entkörperung der Schwangerschaft bis hin zum Abhängigkeitsverhältnis. Die Frau wächst ökonomisch zur Kundin und lernt eine Technologie als ihren Bezugspunkt zum taktilen Erleben kennen. Auf Ultraschall gestützte Schwangerenvorsorge ist nicht bedarfsorientiert sondern angebotsorientiert. 

Literaturangaben

Bucher, Heiner C./ Schmidt, Johannes G. (1993). Does routine ultrasound scanning improve outcome in pregnancy? Meta-analysis of various outcome measures. In: British Medical Journal, 307, 13-17.

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Zuletzt geändert am 29.04.2016